Montag, 20. November 2017

Jetzt wieder bei Rowohlt: Mein allererstes Buch


Als der Rowohlt Verlag freundlich bei mir anfragte, ob man mein 1981 erschienenes Buch "Einfach mal ja sagen" in die neuen Reihe "repertoire", die erfolgreiche vergriffene Rowohlt-Bücher neu auflegt, mit aufnehmen dürfe, war meine erste Reaktion: Auf keinen Fall! Mein erstes Buch, vor siebenunddreißig Jahren geschrieben. Das ist doch nicht mehr relevant, zeitgemäß, interessant. Für mich nicht und deshalb für die Leser nicht.

Dann las ich das Buch noch mal. Und war verblüfft: Es war interessant, es war - trotz aller Zeitbezogenheit - zeitlos. Es war witzig, ich musste oft lachen. Ich mochte es.

Aus dem Klappentext: "'Man sucht mit zwanzig, mit dreißig weiß man, was man will', sagt Mama.' Hier erzählt eine Frau, der es umgekehrt ergeht und die es sich trotz Mama, trotz gerunzelter Brauen in sämtlichen Freundesgesichtern leistet, mit dreißig die achtbare, maßvoll kreative Karriere hochzuklappen und noch einmal suchen zu gehen; vor allem, zur eigenen Rundum-Unlust ja zu sagen - auszusteigen oder daneben zu steigen. Erst einmal reist sie ab: nach Griechenland, wo die Vernünftigen aus der Heimat ihr komisch-vernünftige Besuche abstatten. Aber letztlich spielt sich die Reise nicht auf der Landkarte ab."

Es ist eine GESCHICHTE. Kein Sachbuch, keine Autobiografie - reine Literatur. Einmal stand eine Leserin in München vor meiner Tür und wollte sich mit mir bei einem Tässchen Kaffee darüber unterhalten, dass sie Vassilios auch kennt, mit meiner Darstellung seiner Person aber nicht einverstanden sei. Fast verzweifelt war ich, wenn Bekannte ausriefen: "Aber deine Mutter ist doch ganz anders!" Oder, misstrauisch: "Wer ist denn Felix? Den hast du doch erfunden, oder?" So ist es. Alles und alle handelnden Personen mit Lust erfunden. (Ein bekannter Kollege erzählte mal, er habe einem seiner Ich-Erzähler einen Hund angedichtet. Bis heute würden die Zuhörer bei Lesungen ihn fragen: "Wie geht es denn Ihrem Hund?")

Meine Leser der Zen-Bücher müssen jetzt also ihren Lese-Modus umschalten. Aber die Grundaussage des Buches ist nicht erfunden, und weil die mir bis heute wichtig ist, habe ich der Veröffentlichung zugestimmt: "Wer seine Träume lebt, lässt sich nicht mehr einsperren. Träume brauchen Luft, um sich zu entfalten."

Die nun also 8. Auflage von "Einfach mal ja sagen" gibt es gedruckt (als print on demand, das erspart Rowohlt Lagerkosten) oder als e-book. Zum Beispiel bei amazon oder direkt bei Rowohlt: https://www.rowohlt.de/taschenbuch/margrit-irgang-einfach-mal-ja-sagen.html


Dienstag, 14. November 2017

Frau Irgang kocht: Kartoffelküchlein mit Avocado-Topping


Meine ersten sesshin machte ich bei einem japanischen Mönch, der erst vor Kurzem aus seinem Kloster in Japan nach Deutschland gekommen war. Er veranstaltete einmal im Monat ein zazenkai, das ist ein ganzer Tag mit Sitzen und Gehen im Schweigen, unterbrochen von einem kurzen Mittagessen. Jeder von uns brachte etwas Feines fürs Büfett mit. Wir luden also unsere Teller voll, setzten uns auf unsere Kissen, der sensei schlug die Hölzer zusammen, peng!, und sprach den Tischspruch. Den ich in voller Länge nicht mehr weiß, aber ein Satz verfolgt mich bis heute: "Wir essen nicht, um zu genießen, wir essen, um Erleuchtung zu erlangen." Der sensei lebte noch im Kloster-Modus und schlang sein Essen hinunter, klappte die Hölzer zusammen, peng!, und wir erhoben uns hungrig mit halbvollen Tellern. Wahlweise satt mit Magendrücken.

In meinen Seminaren darf das Essen ausdrücklich genossen werden. Gerochen, beguckt, geschmeckt. Ich selbst bin begeisterte Köchin und Esserin. Und es gibt für mich keine Trennung zwischen dem Aushöhlen einer Avocado, dem Zwiebelhacken und Kartoffelstampfen und dem Sitzen auf dem Kissen. Im zendo nennen wir es Meditation. In der Küche nennen wir es Kochen.

Eins meiner Lieblingsrezepte, schnell und ganz einfach. Und ganz einfach köstlich:

Für eine hungrige Person (also ich) oder als Imbiss für zwei:

Ca. 1 Pfund mehlig kochende Kartoffeln in der Schale kochen. Abkühlen lassen, pellen und in einer Schüssel zerdrücken.

1 reife Avocado entsteinen, zerdrücken und mit Zitronensaft beträufeln.

1 große Zwiebel fein hacken, in etwas Kokos- oder Rapsöl weich dünsten. 1 Esslöffel schwarze Senfsamen in die Pfanne geben, kurz mitbraten. Einen gehäuften Esslöffel der Masse über die Avocado geben. Den Rest mit ein wenig gemahlenem Kurkuma kurz in der Pfanne braten und über die Kartoffeln geben. Gut vermischen, kräftig salzen und pfeffern. Kleine Küchlein formen und in sehr wenig Öl in der Pfanne mehr erwärmen als braten (die Küchlein zerfallen bei zuviel Öl). Die Avocadomischung kräftig salzen und pfeffern. Jedes Küchlein mit einem Klacks des Toppings servieren.

Die Avocado-Mischung esse ich auch manchmal abends auf getoastetem Brot. 

 

Die Grundidee für dieses Rezept - ich habe die Gurkenpickles weggelassen - stammt aus dem ersten Buch meiner Lieblingsköchin. Ich kann ihre Kochbücher nur wärmstens empfehlen. Alles vegetarisch, vieles vegan, vieles mit kleiner Änderung glutenfrei zuzubereiten. Alles schmeckt großartig.

Anna Jones "a modern way to eat", Mosaik Verlag
  


Donnerstag, 9. November 2017

Novembermusik: Ola Gjeilo "Tundra"


Novembermusik.

Weil mir gerade so ist.

Und weil sie mich fliegen lässt, obwohl der Sommer vorbei ist.

Habt ein schönes Wochenende.


Montag, 6. November 2017

Wenn einer geht


Wenn einer geht - muss doch etwas bleiben? Von ihm, von ihr? Was bleibt? Und wo?

Ein lieber Freund ist gegangen. Und doch ist er da, hier, bei mir, in dem, was wir Erinnerung nennen. Er kommt mir entgegen in einem der schmalen Gänge im Biomarkt. Er beugt sich im Rietbergmuseum in Zürich neben mir über die Postkarten und wählt ein paar aus; andere als ich. Er spricht über das Singen von hohen Tönen und schickt mir per E-Mail den entscheidenden Satz für alle Sänger: "Also, verwurzeln wir uns!" Er erzählt mir in einem Rundfunkstudio von seiner Verehrung Albert Schweitzers. Er nimmt mich beim Wort, befragt meinen Satz, prüft die Genauigkeit meines Denkens. Um ihn ist klare Denkluft; Ungenauigkeit und Verschwommenheit hat da keinen Platz. Religion wird kritisch betrachtet. Aber er sagt den Satz: "Was mich überzeugt, ist das Konzept der Achtsamkeit."

Ohne zu leben ist er lebendig und wird erst sterben, wenn ich sterbe. Er ist lebendig in den vielen Menschen, denen er begegnet ist, privat und beruflich, auf je eigene Weise, in einer jeweils anderen Rolle. Und wird erst sterben, wenn sie sterben. Er ist lebendig für meine Freundin, die seine Frau ist. Ist, nicht war.

Gute, Reise, lieber U. Ich verabschiede Dich mit einem Gedicht von Thich Nhât Hanh, den Du geschätzt hast.

Heute morgen wirst du gehn

In den kommenden Tagen wird
der silbrige Himmel erfüllt sein
vom Brausen der Phönixflügel
in unergründlichen Höhen

Wellen von weißem Silber
verbergen die Pfeiler des Stegs
Sonne ruft die Vogeljungen
aus ihrem Schlaf des Gestern
in die Zeit des Jetzt

damit sie dir Lebewohl sagen können
wenn du heimkehrst
an den Ort der langen Flüsse
und weiten Meere

Thich Nhât Hanh

(Übersetzung: Margrit Irgang) 


Dienstag, 31. Oktober 2017

Winterreise

 

Winterreise


Drängender pfeifen die Züge
die Drachen steigen
der Baum macht sich frei

Morgens lesen die Vögel
in den Blättern es ist Zeit
zu gehn

Margrit Irgang







Aus diesem schönen Buch, das 12 Gedichte enthält, für jeden Monat eins; leider ist es nur noch antiquarisch erhältlich: Margrit Irgang "Leuchtende Stille". Verlag Herder. ISBN 978-3-451307324

Mittwoch, 25. Oktober 2017

Seminar in Salzburg


10. November, 19.30 Uhr - 12. November 2017, 12.30 Uhr

DAS WUNDER DES JETZT 

Die Essenz jeder spirituellen Praxis ist das Zurückkehren in den Augenblick, denn Zukunft ist nur ein Konstrukt unseres Geistes. Leben findet im Jetzt statt! Wenn wir tief ins Jetzt eintauchen, berühren wir vielleicht sogar den Urgrund unseres Seins, der uns trägt und dem wir vertrauen dürfen.

Mehr Informationen und Online-Anmeldung hier (klick).

Ich freue mich darauf, Euch wiederzusehen und Sie kennenzulernen.

 

Montag, 16. Oktober 2017

Die Kunst, Entscheidungen nicht zu treffen


Eine meiner größten Schwächen ist es, eine Entscheidung zu treffen. Dies oder Jenes? Hier oder Dort? Was ist richtig? Was ist nachhaltig? Was wird auch noch in einem Monat richtig sein, in einem Jahr? All diese Möglichkeiten! Die so viel Unsicherheiten mit sich bringen.

Es gab ein paar wichtige Entscheidungen zu treffen. Ich saß da und dachte nach. So viele Alternativen. Keine überzeugte mich. Aus dem Nachdenken wurde ein Grübeln. Was erzähle ich in meinen Seminaren immer? "Du bist nicht deine Gedanken, du bist der weite Raum, in dem sie aufsteigen." Ich war kein Raum mehr, ich war eine Besenkammer. Die Gedanken hatten mich im Klammergriff.

Aha.

Ich stand auf, öffnete meinen Vorratsschrank und holte Mehl, Sonnenblumenkerne und Backpulver heraus. Quark und Eier aus dem Kühlschrank. Die Rührschüssel. Das Handrührgerät. Brötchenbacken ist eine fabelhafte Möglichkeit, die innere Besenkammer zu verlassen. Irgendwann duftete es in der Wohnung; ich hatte inzwischen die verwelkten Blätter auf dem Balkon aufgefegt und die Bettwäsche gewechselt.

Die Brötchen schmeckten super. Vorher hatte ich aber zum Telefon gegriffen und drei Telefonate erledigt. Alles klar. Alles entschieden.

Ich war einfach aus dem Weg gegangen. Einen Schritt beiseite, damit die Energie, die alles und auch uns durchströmt, von meiner Grübelei nicht blockiert wird. Diese Energie des Absoluten, der schon viele Bezeichnungen gegeben wurden (deshalb benenne ich sie nicht), bringt uns in Einklang mit der Wahrheit des Augenblicks. Wir fließen wieder mit, wir sind kein Felsblock mehr, an dem der Fluss abprallt. Wir wissen auf einmal, was zu tun ist. Ganz selbstverständlich. Und wir tun es.

Ich nenne es die Kunst, Entscheidungen nicht treffen.


Donnerstag, 5. Oktober 2017

Die Welt ist ein dynamischer Fluss von Ereignissen


"Du kannst etwas als permanent wahrnehmen und gleichzeitig verstehen, dass es durch und durch vergänglich ist. Wenn dir das gelingt, kannst du damit aufhören, dem, was du siehst, bestimmte, unveränderliche Qualitäten zuzuschreiben - und wirst nicht auf irrige Art und Weise reagieren. Die Welt der Erscheinungen zu dekonstruieren hat etwas Befreiendes. Man ist nicht mehr in seinen eigenen Wahrnehmungen verstrickt und hört auf, die Welt der Phänomene zu vergegenständlichen. Dies hat tiefgreifende Auswirkungen auf die Art und Weise, wie man die Welt wahrnimmt, und infolgedessen auch auf die eigene Erfahrung von Glück und Leid.

Sind alle mentalen Konstruktionen demaskiert, nimmt man die Welt als einen dynamischen Fluss von Ereignissen wahr und hört auf, die Realität auf irrige Weise einfrieren zu wollen. Das Wasser/Eis-Beispiel illustriert das sehr schön. Gefriert Wasser, bildet es feste Formen, die dir in die Hand schneiden. Du kannst dir auch die Knochen brechen, wenn du darauf fällst. Nun könnte man annehmen, dies sei das wahre Wesen des Wassers: Es hat eine bestimmte Gestalt, es ist hart etc. Es lässt sich außerdem in verschiedene Formen bringen - etwa die einer Blume oder eines Schlosses. Du kannst die Statue eines geliebten Menschen oder das Ebenbild einer Gottheit daraus modellieren. Doch sobald es warm wird, schmelzen all diese verschiedenen, klar definierten Formen zu genau derselben Flüssigkeit zusammen, zu demselben formlosen Wasser. (...) Wasser ist ein dynamischer Fluss, der temporär eine scheinbar stabile Gestalt annehmen kann. Dasselbe gilt für die Realität: Wenn wir davon ablasssen, sie sozusagen einzufrieren, setzen wir uns nicht mehr der Gefahr aus, sie als etwas Stabiles zu verdinglichen, das mit einem wahren, intrinsischen Wesen ausgestattet ist, und werden nicht in die Irre geführt."  Matthieu Ricard



Dies ist ein kleiner Auszug aus diesem Buch, das ich unbedingt empfehle: Dialoge zwischen dem Hirnforscher Wolf Singer und dem buddhistischen Mönch Matthieu Ricard über Meditation und Gehirn, unbewusste Prozesse, die Realität, das Selbst, den freien Willen und das Wesen des Bewusstseins. Wolf Singer, Matthieu Ricard "Jenseits des Selbst", Suhrkamp Verlag.

Meine Rezension in SWR 2 in der SWR Mediathek hier (klick).

Sonntag, 1. Oktober 2017

... and so it goes ...


"And so it goes ..."

Der Sommer ist gegangen, der Herbst ist da, mein Kater ist weggezogen, so it goes ...

Der Song von Billy Joel, hier gesungen von den King's Singers und der St. Albans School Barbershop Group.

Habt einen schönen ersten Oktober-Sonn-Tag. Der Nebel über den Feldern lichtet sich schon.

Donnerstag, 28. September 2017

Blaue Hortensie


Blaue Hortensie

von Rainer Maria Rilke

So wie das letzte Grün in Farbentiegeln
sind diese Blätter, trocken, stumpf und rau,
hinter den Blütendolden, die ein Blau
nicht auf sich tragen, nur von ferne spiegeln.

Sie spiegeln es verweint und ungenau,
als wollten sie es wiederum verlieren,
und wie in alten blauen Briefpapieren
ist Gelb in ihnen, Violett und Grau;

Verwaschen wie an einer Kinderschürze,
Nichtmehrgetragnes, dem nichts mehr geschieht:
wie fühlt man eines kleinen Lebens Kürze.

Doch plötzlich scheint das Blau sich zu verneuen
in einer von den Dolden, und man sieht
ein rührend Blaues sich vor Grünem freuen.