Mittwoch, 21. Februar 2018

Auf dem Pollenpfad

Noch einmal, nie passender als hier: Wolfgang Laib

Wieder einmal in dem schönen Buch der Gespräche zwischen Joseph Campbell und dem Journalisten Bill Moyers gelesen. Dies hier gefunden:

Campbell: Ich glaube nicht, dass das Leben einen Zweck hat. Das Leben ist ein Haufen Protoplasma mit einem Drang, sich fortzupflanzen und weiterzubestehen.

Moyers: Stimmt nicht - stimmt nicht!

Campbell: Warten Sie. Vom bloßen Leben kann man nicht sagen, es hätte einen Zweck, denn schauen Sie sich doch die ganzen unterschiedlichen Zwecke an, die es überall hat. Aber jede Inkarnation, könnte man sagen, hat eine Entwicklungsmöglichkeit, und die Bestimmung des Lebens ist es, diese Möglichkeit zu leben. Wie man das macht? Meine Antwort lautet: Folgen Sie Ihrer Freude. Es ist etwas in Ihnen, das weiß, wann Sie in der Mitte sind, das weiß, wann Sie auf dem richtigen und wann Sie auf dem falschen Weg sind. Und wenn Sie vom richtigen Weg abgehen, um Geld zu machen, haben Sie Ihr Leben verloren. Und wenn Sie in der Mitte bleiben und kein Geld verdienen, haben Sie immer noch Ihre Freude.

Moyers: Mir gefällt der Gedanke, dass es nicht der Bestimmungsort ist, der zählt, sondern die Fahrt.

Campbell: Ja. Wie Karlfried Graf Dürckheim sagt: "Wenn man auf der Fahrt ist und das Ziel immer weiter entschwindet, dann wird einem klar, dass das wirkliche Ziel die Fahrt ist." Die Navaho haben dieses wunderschöne Bild vom Pollenpfad, wie sie ihn nennen. Pollen ist der Lebensquell. Der Pollenpfad ist der Weg in die Mitte. Die Navaho sagen: "Oh, Schönheit vor mir, Schönheit hinter mir, Schönheit zu meiner Rechten, Schönheit zu meiner Linken, Schönheit über mir, Schönheit unter mir, ich bin auf dem Pollenpfad."

Moyers: Eden ist nicht gewesen. Eden wird sein.

Campbell: Eden ist. "Das Reich des Vaters ist über der Erde ausgebreitet, und die Menschen sehen es nicht."

Moyers: Eden ist - in dieser Welt von Schmerz und Leid und Tod und Gewalt?

Campbell: So meint man, aber dennoch: Dies ist Eden. Wenn Sie das Reich über der Erde ausgebreitet sehen, ist die alte Art, in der Welt zu leben, zunichte. Das ist das Ende der Welt. Das Ende der Welt ist kein künftiges Ereignis, es ist eine seelische Wandlung, eine visionäre Wandlung. Sie sehen nicht die Welt fester Dinge, sondern eine Welt strahlenden Glanzes.

(Aus: Joseph Campbell "Die Kraft der Mythen", Albatros Verlag)
 

Donnerstag, 15. Februar 2018

Zustand mit Aussicht.


Bei mir um die Ecke. Oben Winter, unten Frühling, in der Luft eisiger Wind. Also so etwas Unentschiedenes, zwischen allen Zuständen. Das kenne ich: Leben zwischen zwei Seinsweisen, zwei Entscheidungen, zwei Möglichkeiten. Das eine ist nicht mehr richtig da, das andere noch nicht richtig da. Ich schaue mir also meine Landschaft an (Südbaden), ziehe mir die Mütze über die Ohren, es ist kalt und warm-sonnig gleichzeitig, und denke: Eigentlich schön. Ich sehe beides gleichzeitig, das Nicht-Mehr und das Noch-Nicht.

Ein Zustand mit Aussicht.

Verlinkt beim Naturdonnerstag bei www.jahreszeitenbriefe.blogspot.de


Montag, 12. Februar 2018

Frau Irgang bäckt Brot. Glutenfrei. Maisfrei. Sojafrei.


Wer, wie ich, weder Gluten noch Maisstärke (ein übles Zeug, und versteckt sich in den unglaublichsten Sachen!) noch Soja verträgt, ist auf das pappige glutenfreie Brot angewiesen, das es in Bioläden zu kaufen gibt. Schmeckt leider gar nicht, und das ist höflich ausgedrückt. Deshalb backe ich alle paar Wochen ein Brot, und zwar so:

Zutaten:

135 gr Sonnenblumenkerne
90 gr Leinsamen
65 gr Haselnüsse, gehackt
145 gr Haferflocken, glutenfrei
2 EL Chia-Samen
3 EL Flohsamenpulver (oder 4 EL Flohsamen)
1-2 Tl Salz
1 EL Ahornsirup
3 EL geschmolzenes Kokosöl
350 ml Wasser

Zubereitung:

Alle trockenen Zutaten in einer Schüssel vermischen. Wasser, Öl und Ahornsirup mischen und zu den trockenen Zutaten gießen. In eine mit Backpapier ausgelegte Kastenform füllen, die Oberfläche glattstreichen und mindestens 2 Stunden, gern länger, ruhen lassen. Der Teig ist fertig, wenn man das Backpapier an der Seite etwas abziehen kann, ohne dass der Laib seine Form verliert.

Bei 175 Grad auf mittlerer Schiene 20 Minuten backen. Aus der Form nehmen, auf einen Backrost umstürzen und - jetzt upside down - weitere 40 bis 50 Minuten backen. Es sollte hohl klingen, wenn man draufklopft - also einfach mal probieren. Vor dem Anschneiden vollständig auskühlen lassen.
 
Eine Buchempfehlung für alle, die autoimmunkrank sind. Also Hashimoto Thyreoiditis, Morbus Basedow, Zöliakie, Rheuma, Lupus erythematodes, Sjögren Syndrom oder Multiple Sklerose haben, auch Fibromyalgie und Diabetes - eventuell und wahrscheinlich sogar eine Kombination aus mehreren davon, denn ein gestörtes Immunsystem beschäftigt sich nicht nur mit einem Organ. Susan Blum ist Ärztin, selbst autoimmunkrank und behandelt ihre Patienten mit Hilfe einer radikalen Ernährungsumstellung. Sie erklärt anschaulich, was es bedeutet, chronische Entzündungsprozesse im Körper zu haben. Da gesunde Zeitgenossen dazu neigen, Autoimmunkranke mit ihren Unverträglichkeiten wie Hypochonder zu behandeln ("Alles nur Einbildung, früher gab es sowas ja auch nicht, haha") gefällt mir diese Aussage: "Nur weil die Medizin noch nicht über die richtigen Labortests für Sie verfügt, heißt das nicht, dass Gluten nicht verheerende Folgen für Ihr Immunsystem hat."

Dr. Susan Blum mit Michele Bender "Autoimmunerkrankungen erfolgreich behandeln". VAK Verlags GmbH  

Dienstag, 6. Februar 2018

Künstler der Stille #6: Wolfgang Laib


Ich habe lange gebraucht, meinen Lieblings-Künstler hier in der Serie "Künstler der Stille" vorzustellen. Weil er die stillsten intensivsten Kunstwerke erschafft, die in meiner Seele wohnen, und da wollen sie nicht gestört werden. Weil ich nicht viel über ihn sagen möchte (im Video spricht er ungewöhnlich viel, also überlasse ich das Sprechen ihm). Weil seine Arbeit mir so wichtig ist, dass ich zu seinen Ausstellungen durch halb Europa reise: Wolfgang Laib.

Ich stehe dann eine Stunde vor einem dieser betörenden Teppiche aus Blütenpollen in meiner Lieblingsfarbe Sonnengelb. Ich stelle mich in eine seiner Bienenwachskammern, und der Duft ist so intensiv, dass ich die Kammer verlassen muss, weil mich dort etwas zu überwältigen droht - nicht negativ, auch nicht positiv. Sondern etwas, das sich um mich als kleine Person gar nicht kümmert: Natur, einfach Natur. Ich sehe seine wunderbaren Milchsteine - die Verbindung des ewigen Steins mit der flüchtigen Milch - und finde in diesem kleinen Rechteck den ganzen Kosmos. Und seine "unbesteigbaren Berge" aus indischem Reis zeigen mir, was "klein" und "groß" wirklich bedeuten und was ein wahrhaft heiliger Berg ist: Einer, den ich als Mensch nie besteigen kann. Ein kleiner Berg aus Reis.

Das Bild ist aus dem Band "Wolfgang Laib", Hatje Cantz Verlag

Wolfgang Laib erschafft Meditationsobjekte, die mich auf eine innere Reise schicken. Eigentlich brauche ich weder einen Zendo noch ein Retreat. Ich brauche die Blütenpollenteppiche, die unbesteigbaren Berge, die Zikkurats und Wachsschiffe. "Art is about not knowing where you are going." (W. L.) 

So ist es.

Sonntag, 28. Januar 2018

Seminar in Salzburg im März

Blick aus dem Zendo in St. Virgil

Ich freue mich darauf, im März wieder Gast in St. Virgil in Salzburg zu sein. Der schöne Zendo - japanisch eingerichtet mit Tatamimatten - wartet auf uns. Herzliche Einladung an alle zum Seminar

Frei sein mit jedem Schritt

St. Virgil in Salzburg, 2. bis 4. März 2018

Informationen und Anmeldung hier (klick) 

Ich glaube, Freiheit bzw. das Gefühl der Unfreiheit ist ein Thema für uns alle. Können wir uns inmitten unserer zahlreichen Verpflichtungen frei fühlen? Frei von etwas oder frei zu etwas? Und was ist das überhaupt, spirituell gesehen: Freiheit? Die Struktur des Seminars ist dieselbe wie immer: Wir üben Präsenz und Wachheit, im Gehen, Essen, Sprechen und Zuhören. Abgesehen von zwei Rundgesprächen findet das Wochenende im Schweigen statt. Und es ist gerade die tiefe Stille, die uns trägt, beruhigt und inspiriert.

Ich freue mich auf Sie und Euch.

Donnerstag, 25. Januar 2018

Geburtstag von Virginia Woolf

Quelle: en.Wikipedia

Heute wäre sie 136 Jahre alt. Nach wie vor für mich eine der größten Schriftstellerinnen der Welt. Ich bewundere ihr Werk und studiere es immer wieder. Wie hat sie das gemacht, die Sprache so ins Fließen zu bringen? Und über allem liegt ein Licht, das nicht ganz von dieser Welt ist. 

Sie hätte sich an der #metoo Debatte beteiligen können. Jahrelang wurde sie von ihrem Halbbruder missbraucht, was offenbar einige in der Familie wussten, aber natürlich leugneten. Ich erinnere mich an eine Biografie, deren Autor ich vergessen habe. In dem Buch wurde die Geschichte des Missbrauchs in Zweifel gezogen; Virginia habe schließlich mit dreizehn schon ihren ersten Suizidversuch unternommen, was ja beweise, dass sie geisteskrank gewesen sei. Und solch eine Geisteskranke, nicht wahr, denke sich eben allerhand Geschichten aus. Dass die Sache genau umgekehrt gewesen sein dürfte, dass der Suizidversuch eine Folge des Missbrauchs war, wurde gar nicht in Erwägung gezogen.

Mein Lieblingsbuch von ihr ist Mrs. Dalloway. Und wer sich für ihr Leben interessiert: Im S. Fischer Verlag sind ihre Tagebücher in 5 Bänden und ihre Briefe in mehreren Bänden erschienen. Wunderbare Prosa, aus dem Handgelenk geschüttelt. Lesen! 

Dienstag, 23. Januar 2018

"Mit Rätseln zur Erleuchtung" - Sendung in Deutschlandfunk Kultur


Eine schöne Sendung über Buddhismus in Deutschlandfunk Kultur vom 21. Januar. Es geht u. a. um Machtstrukturen im Buddhismus und einen deutschen Abt eines japanischen Klosters. In dem Beitrag von Mechthild Klein 

"Mit Rätseln zur Erleuchtung - der Zen-Buddhismus und die Koans"  

spreche ich über die Arbeit mit Koans, über Kinder als Zen-Meister und das Koan "Chens Bergblumen" aus dem schönen Buch "Das verborgene Licht" (mehr über das Buch hier)  

Hier die einzelnen Beiträge der Sendung zum Nachhören: (klick)

Und hier der Link nur für den Beitrag "Mit Rätseln zur Erleuchtung": (klick)

Samstag, 20. Januar 2018

... und wenn der Sturm gerade deine Mülltonne ausleert ...


... und wenn der Sturm gerade deine Mülltonne ausleert; die Katze den Sonntagsbraten gefressen hat; der Hund mit dir an der Leine durch den Matsch getrödelt ist und nicht wollte, was er sollte ...

...wenn das Brot am Samstagabend ausgegangen, der Hefeteig nicht aufgegangen und der Lieblingspullover in der Wäsche eingegangen ist ...

... dann muss man sich aufs Sofa legen und schöne Musik hören.

Bei mir: Voces8 mit "Underneath the stars".

Habt alle ein sturmfreies Wochenende.


Montag, 15. Januar 2018

Sonntagsspaziergang, 14. Januar 2018


Wärmer wird's mit jedem
Ginsterzweig,
der neu erblüht. 

Im Original von Ransetsu steht "Pflaumenzweig".
Aber Ginster kündigt doch dasselbe an, oder?

(Man hat mir gesagt, das sei Winterjasmin. Die Google Bildersuche bestätigt: So ist es.)

Ich verlinke dies mal zum Naturdonnerstag von www.jahreszeitenbriefe.blogspot.de
 

Donnerstag, 11. Januar 2018

"Der lautlose Tanz des Lebens". Film über Ruth Denison.


Dieser schöne Film ist noch bis 15. April in der Arte Mediathek zu sehen, hier ist der Link (klick).  Ein Film, der einfach glücklich macht. Bitte anschauen! Es lohnt sich.

Der lautlose Tanz des Lebens

TV-Dokumentarfilm über Ruth Denison

Aus dem Pressetext von Arte:

"Ruth Denison war eine Pionierin des Buddhismus im Westen und Vorreiterin für die Rechte der Frauen. 1922 in Ostpreußen geboren, erlebte Ruth die Grausamkeiten und Traumata des Zweiten Weltkrieges. 1957 wanderte sie in die USA aus und wurde eine der ersten buddhistischen Lehrerinnen im Westen. Ruths gesamtes Schaffen und Wirken gibt kluge, tiefe Antworten auf die zentralen Fragen und Konflikte der Gegenwart: Wie gehen wir mit Hass und Diskriminierung um? Wie kann es gelingen, aus der Spirale von Gewalt und Gegengewalt auszubrechen, zu einem echten menschlichen Miteinander zu finden?

Die Regisseurin Aleksandra Kumorek bekam die Erlaubnis, Ruth Denison in ihren letzten Lebensjahren bis zu ihrem Tod 2015 zu begleiten."Der lautlose Tanz des Lebens“ ist eine filmische Meditation. Er erlaubt es dem Zuschauer, in die Stille und Langsamkeit der Mojave-Wüste einzutauchen, die Verbundenheit allen Lebens zu entdecken und Teil des lautlosen Tanzes zu werden. Der Dokumentarfilm ist eine Begegnung mit einer außergewöhnlichen Frau, inneren Dämonen, den Schönheiten und Schrecken der Wüste."