Samstag, 26. Dezember 2015

Türmerin am Weihnachtstag


Es ist 15.10 Uhr, 17 Grad in Freiburg. In einer halben Stunde werde ich dort oben stehen.

"Ab dem 20. Juni 2015 steht für 365 Tage ein Turm aus Holz und Glas auf dem Dach des Theater Freiburg. Jeden Tag bei Sonnenaufgang und bei Sonnenuntergang wird er für eine Stunde Schutzraum und Ausguck für je einen Besucher. Die TÜRMER VON FREIBURG treten aus dem Alltagsgeschehen und wachen über die Stadt." (Theater Freiburg)

Jeder Türmer hat einen Begleiter, und die Choreografie beginnt an der Pforte des Bühneneingangs: Mit Ursula steige ich langsam und bewusst die Treppen nach oben. In der Schreibstube des Turms wird mir die Tasche abgenommen und somit auch die Kamera, aber das ist ganz richtig so: In einem Meditationsraum wird ja auch nicht fotografiert, nicht telefoniert und nicht auf die Uhr geguckt. Denn das dachte ich mir gleich, als ich mich im Sommer für diesen Tag als Türmerin registrierte: Hier geht es um Kunst und Meditation. Meditation war für mich schon immer eine Kunstform, eine Art Gedicht oder Gesang. Warum sollte sie sich nicht auch als eine Form von Tanz erweisen?

"Es geht darum, an einem spezifischen Ort anwesend zu sein, Darsteller und zugleich Beobachter zu sein, seine Umgebung zu hinterfragen und eben auch seine Wahrnehmung. Seinen Blick zu öffnen, unendlich weit zu schauen, und in der Begegnung mit dem Gesehenen seinem Körper einen Platz zu schaffen. Darin besteht der Sinn dieser Performance, bei der jeder Teilnehmer die Grunderfahrung choreografischer Praxis macht: die Qualität von Präsenz." (Die Choreografin Joanne Leighton, die dieses Projekt entworfen hat)

15.42 Uhr. Ursula geleitet mich sehr langsam über das Dach zum Turm. (Gehmeditation. Tanz.) Der Turm riecht nach frisch geschlagenem Holz und knackt und knistert im Wind. Dann bin ich allein mit dem Himmel, der Stadt, meinem Körper im Raum. Über wen soll ich wachen? Oder ist es die Stadt, die mir Boden unter den Füßen gibt? Ich schwebe hier praktisch im Nichts, mit ein paar Holzbrettern unter mir. Die Menschen flanieren, Weihnachtsruhe liegt über der Stadt. Ich sehe viele junge Männer in Gruppen, die nicht deutsch aussehen und vermutlich zu den Hunderten Flüchtlingen gehören, die wir hier versorgen. Was sollen sie tun an diesem Weihnachtstag, der für sie keine Bedeutung hat? Alles hat geschlossen, die Clubs, die Kneipen, sogar die Schnellimbisse sind zu. Sie streifen durch die Straßen.

Gegenüber das Münster. Ich auf Augenhöhe mit den Heiligen.

Wow, wer hätte das je gedacht! Und das auch noch an Weihnachten! Im Westen sinkt langsam die Sonne hinter den Berg.

In der Senke eine Schüssel aus rosa Licht, mit goldenem Deckel darauf. Und darüber zwei einzelne Wolken, lang gestreckt wie Kraniche mit rosa Bäuchen.

"Diese eine Stunde macht es möglich, sich der Poetik des Augenblicks zu widmen. Es handelt sich um einen Moment jenseits der alltäglichen Verpflichtungen, es ist ein privilegierter Augenblick, den sich jeder Türmer selbst ermöglicht. Mit Leichtigkeit und ohne Stress zieht man sich aus der Welt zurück, ohne dabei zu vergessen, dass man Teil eines Projektes ist, das einer ganzen Bevölkerung und ihrem Lebensraum gewidmet ist." (Joanne Leighton)

Ein Mann schiebt eine Frau im Rollstuhl. Jetzt erblickt er mich. Er will mich der Frau zeigen, sie versteht nicht. Er deutet auf mich, spricht zu ihr, deutet wieder, wendet ihren Kopf. Sie soll mich sehen. Er lächelt mich an, ich lächle ihn an. Wahrnehmung als zärtlicher Akt, der drei Menschen miteinander verbindet.

16.42. Die Türmerin wird von ihrer Begleiterin wieder abgeholt. Sie wickelt sich für den erneuten Gang übers zugige Dach in Wolle, denn diese Türmerin ist nicht wetterfest und auf Dauer für diesen Job eher nicht geeignet. In der Turmstube steht  ayurvedischer Tee für sie bereit, gekocht von der fürsorglichen Ursula. Jemand hat "für die Türmer und Begleiter an Weihnachten" eine große Schachtel Schokolade hinterlegt, und die Türmerin bedauert, nicht doch ihren Kindheitstraum, Schauspielerin zu werden, verwirklicht zu haben - beim Theater scheinen freundliche Menschen zu arbeiten. Dann formuliert sie ihre Eindrücke für die Publikation, die am Schluss des Projektes entstehen wird. Und deshalb will sie hier auch nicht mehr verraten, als bereits oben getan, denn die Texte hat sie, wie alle Türmer, dem Theater geschenkt. Dann kehrt sie zurück ins Leben der Stadt. Es ist ein wenig laut. Ein sonniger Weihnachtstag senkt sich in die Dunkelheit, und es sind noch immer 17 Grad.

Wenn Sie mehr wissen wollen über das Projekt: www.dietuermervonfreiburg.de

Mittwoch, 23. Dezember 2015

Und wieder ein Weihnachtsfest


Allen Leserinnen und Lesern meiner Bücher, Artikel und dieses Blogs -
 allen Hörerinnen und Hörern meiner Rundfunksendungen -
 allen Weggefährtinnen und Weggefährten, die meine Seminare besuchen (seit vielen Jahren oder erst seit kurzem) -
 wünsche ich ein stilles oder turbulentes, besinnliches oder sinnliches, in jedem Fall wunderschönes Weihnachtsfest.

Eure und Ihre Margrit Irgang 

Mittwoch, 16. Dezember 2015

Der Weihnachtshund


Ein Heiliger Abend in den Bergen, in einem jener Jahre, als die Winter noch richtige Winter waren, mit Schneebergen und Flocken, die groß waren wie die damaligen Fünfmarkstücke. In den Häusern gingen die Lichter an, hinter beschlagenen Fensterscheiben leuchteten die ersten Christbaumkerzen. Ich ging langsam in die Nacht hinein, der einzige Mensch in einer absolut stillen Welt. Da sah ich im Augenwinkel links neben mir eine Bewegung. Die Bewegung war graubraun und unförmig. Ich bin in Bayern aufgewachsen, da tauchen Ende Dezember gern die Perchten auf. Das sind furchterregende Gestalten in zotteligen Fellen, sie treiben die Dämonen des Winters aus. Wer den Perchten begegnet, muss auf der Hut sein. Andererseits soll es - meiner Gewährsfrau, einer alten Bäuerin, zufolge - ein gutes Omen sein. Immerhin treiben sie Dämonen aus, und wer könnte von sich sagen, dass er nicht einen klitzekleinen Dämon irgendwo in Geist oder Herz lauern hat?

Neben mir war ein Hund erschienen in einem Perchten-Fell.

Er war weder groß noch klein, weder jung noch alt, das Fell war verfilzt, das eine Ohr stand, das andere hing schlaff herunter. Er hob den Kopf und sah mich an mit den sanftesten, schönsten braunen Hundeaugen. Und weil es ja auch die erste Nacht der magischen Raunächte war, in der man, so heißt es, die Tiere sprechen hört, sah ich durch diese Augen hindurch direkt in eine Hundeseele. "Hallo Hund", sagte ich. Er setzte sich und legte den Kopf schief, das schlaffe Ohr hing im Schnee. "Komm", sagte ich, "wir müssen uns bewegen, es wird kalt."

Wir gingen auf den Waldrand zu, er dicht an meinem linken Bein. "Du musst doch zu jemandem gehören", sagte ich. Die seelenvollen Augen sahen mich an und ich verstand: Er gehörte jetzt zu mir. "Oh nein", sagte ich, "das geht nicht. In meinem Leben, weißt du, ist kein Platz für einen Hund." Er rieb seinen Kopf an meinem Bein, durch die Hose spürte ich die Hundewärme. "Du musst das verstehen", sagte ich, "ich gehe manchmal tagelang auf Lesereise und gebe Seminare, da kann ich dich nicht mitnehmen. Und mein Vermieter hat zwei Schäferhunde, die würden dich nicht mögen." Er sah mich an. Diese Augen. Ich sah weg. "Ich bin Vegetarierin", sagte ich. "Nicht mal eine Wurst hätte ich für dich im Haus." Wir gingen weiter. Der Schnee war tief, er versank bis zum Bauch, arbeitete sich aber tapfer voran. Am Aussichtspunkt blieben wir stehen.

"So geht das nicht, Hund", sagte ich. "Du kannst nicht einfach jemanden adoptieren, der für das, was du schenken möchtest, keinen Platz in seinem Leben hat. Jetzt habe ich mich schon an dich gewöhnt, an deine Wärme, deine Bewegung neben mir. Wenn wir uns trennen müssen, werde ich dich vermissen." Mit einer schnellen Bewegung, die ich ihm nicht zugetraut hätte, sprang er an mir hoch und leckte mir die Hand. Ich trug Handschuhe. Ich zog die Handschuhe aus und kraulte das räudige Fell.

Er ging mit bis zu meiner Hofeinfahrt, am Tor blieb er unaufgefordert sitzen. Er schien meinen Bereich zu respektieren und meinen Wunsch, ihn nicht näher kennenzulernen. Vielleicht hatte er auch die Sache mit den Schäferhunden begriffen. An der Haustür drehte ich mich um. Er saß in der eiskalten Nacht im Schnee und verfolgte jede meiner Bewegungen. Ein Hund im Perchtenfell.

Viele Monate lang suchte ich nach ihm auf den Feldern und im Wald, hielt Ausschau nach seinem zottigen Fell, seiner unförmigen Gestalt. Ich habe ihn nie wiedergesehen.

Das Jahr, das diesem Weihnachtsfest folgte, war ein gutes Jahr.

Donnerstag, 10. Dezember 2015

Lebensendgespräche


Gespräche mit Schriftstellern, die Bilanz ziehen: Bald ist ihr Leben zu Ende - was zählt jetzt noch? Was war wichtig, was nicht? Iris Radisch hat mit ihrem Interesse für den Menschen in den Interviews einen Raum geschaffen, der Offenheit möglich macht. Und so streiten Martin Walser und Günter Grass mit ihr; gesteht Ilse Aichinger, dass der Krieg ihre schönste Zeit war, weil man damals noch wusste, wer Freund und wer Feind ist, und für Patrick Modiano, Amoz Oz und George Steiner sind die längst gestorbenen Eltern noch immer auf geradezu erschütternde Weise wichtig.


Ein schönes und wichtiges Buch. Hier der Link zu meiner Rezension in SWR 2.

Samstag, 5. Dezember 2015

That vast unchanging expanse. Diese unermessliche, unwandelbare Weite.


"The conventional world view involves a constant state of evaluation and judgment. We're constantly saying to ourselves what should and shouldn't be, what we like and what we don't like. We can open the door and it could be raining, and we might say, "Oh gosh! I hate the rain! It shouldn't be raining!" At that moment, we are in opposition with reality. Reality ist simply that it is raining.

When our minds start to open, we're no longer in a constant state of evaluation and judgment. Naturally, then, our senses open - and we can really see what is before us. Our eyes open in a different way, our hearing opens in a different way, our emotions open, our hearts open to all of existence. We see how judging and condemning actually close our hearts and harden us to our experience of life and others. Open-mindedness allows you to embrace the nature of your experience. This doesn't mean that you have to like every experience that you have. There are experiences that are painful, there are experiences that are unpleasant. Open-mindedness doesn't mean that you're just opening to the good parts of life, it means you're opening to everything. And this is when you start to discover a type of inner stillness, an inner stability, that vast unchanging expanse that is at the heart of everything."

Adyashanti 

***
"Die konventionelle Weltsicht beinhaltet ständiges Bewerten und Beurteilen. Wir erzählen uns dauernd selbst, was sein sollte und nicht sein sollte, was wir mögen und nicht mögen. Wir öffnen die Tür, es regnet, und wir sagen, "Mist, ich hasse Regen! Es sollte nicht regnen"! In dem  Moment sind wir im Widerstand gegen die Wirklichkeit. Die Wirklichkeit ist einfach der Regen.

Wenn unser Geist sich zu öffnen beginnt, sind wir nicht länger in einem ständigen Zustand des Bewertens und Beurteilens. Deshalb öffnen sich unsere Sinne, und wir können wirklich sehen, was wir vor uns haben. Unsere Augen öffnen sich auf andere Weise, unser Hören öffnet sich, unsere Gefühle öffnen sich, unser Herz öffnet sich der ganzen Existenz. Wir sehen, wie sehr Bewerten und Verurteilen unser Herz verschließen und uns gegenüber der Erfahrung des Lebens verhärten. Geistige Offenheit erlaubt dir, die Natur deiner Erfahrung anzunehmen. Das heißt nicht, dass du jede Erfahrung mögen musst. Es gibt schmerzhafte und unangenehme Erfahrungen. Geistige Offenheit bedeutet nicht, dass du dich nur den guten Seiten des Lebens öffnest - sie bedeutet, sich allem zu öffnen. Dann beginnst du, eine besondere innere Stille, eine innere Stabilität zu entdecken. Diese unermessliche, unwandelbare Weite, die am tiefsten Grund von allem liegt."

Adyashanti

Dienstag, 1. Dezember 2015

Was ich beim Plätzchenbacken höre



"On Yoolis Night" Medieval Carols and Motets. Von dem wunderbaren amerikanischen Frauen-Quartett mit den glasklaren Stimmen Anonymous 4. 

Hier: Peperit virgo.


Samstag, 28. November 2015

Bilder aus der Stille


Klaus Schick ist ein Zen-Freund von mir. Seine Bilder entstehen aus der inneren Stille, und wer sich auf diese Bilder einlässt, wird seiner eigenen Stille begegnen. "Ich muss mit meiner Kamera allein und in der Natur sein, dann kann es zu einer Resonanz zwischen der Natur und mir kommen - wenn ich in diesen Augenblicken fähig bin, mich auf diesen subtilen Prozess einzulassen." 

In einer schwierigen Phase seines Lebens unternahm Klaus Schick lange Spaziergänge mit seiner Kamera. Da war er bereits dem Zen-Meister Thich Nhât Hanh begegnet, der seine Schüler das Präsentsein im Augenblick lehrt mit der schönen Anweisung, "die Wunder des Lebens zu berühren". Klaus entdeckte, dass die Wunder ganz nah sind, nämlich immer dort, wo wir uns gerade befinden: im Park, im eigenen Garten, in den Straßen der Stadt, in der wir leben. "Mir ist es wichtig, die Schönheit zu entdecken, die mich jeden Tag umgibt und mich weit besser nährt als die Einmaligkeit weit entfernter Orte." 


Die Bilder von Klaus Schick zeigen viel mehr als "Blumen" oder "Objekte". Sie erzählen von der Zartheit und Fragilität der Schönheit, die immer nur jetzt!, in diesem Augenblick! auf diese ganz bestimmte Weise erscheint. Nie wieder wird die Akelei mit dieser anmutigen Neigung des Kopfes in diesem besonderen Licht stehen, nie wieder wird die Sonne genau so auf die Hauswand fallen und im Zusammenspiel mit einem Geländer genau diesen Schatten werfen. Und deshalb erzählen die Fotos von Klaus Schick auch von der Vergänglichkeit und der Kostbarkeit jedes Augenblicks.


Klaus Schick fühlt sich in seiner Arbeit verbunden mit spirituellen Fotografen wie Chögyam Trungpa, Minor White und John Daido Loori. Fotografieren bedeutet für ihn: sehen lernen. Sich von allen Erwartungen und Konzepten frei zu machen und der Welt in einer Haltung zu begegnen, die das Zen "Anfängergeist" nennt. Es heißt auch, sich vom Motiv finden zu lassen, anstatt ein Bild zu "schießen", und mit dem, was sich zeigt, in stille, tiefe Resonanz zu gehen. Angelehnt an die Fünf und Vierzehn Achtsamkeitsübungen von Thich Nhât Hanh hat er die "Achtsamkeitsübungen für die Fotografie" geschrieben, deren erster Satz nicht nur für Fotografen, sondern für alle KünstlerInnen, DichterInnen und SchriftstellerInnen zum Grund-Satz werden sollte: "Als Fotografen begegnen wir der Welt mit Dankbarkeit."

Klaus Schick bietet Achtsamkeits-Retreats zur Fotografie an, in denen er Meditation, geführte Bildmeditationen und Übungen zur visuellen Wahrnehmung mit und ohne Kamera verbindet:

In Berlin am 2. und 3. April 2016, www.quelle-des-mitgefuehls.de 
In Waldbröl vom 13. bis 17. Mai 2016  www.eiab.eu
In Hohenau vom 29. September bis 3. Oktober 2016 www.intersein-zentrum.de

(Alle Bilder in diesem Beitrag sind Eigentum von Klaus Schick mindfulphotography @ gmx.de)

Montag, 16. November 2015

Thich Nhât Hanh: Promise me. Versprich mir.


Promise me, promise me this day,
promise me now, while the sun is overhead
exactly at the zenith,
promise me.

Even as they strike you down
with a mountain of hatred and violence;
even as they step on you and crush you like a worm,
even as they dismember and disembowel you,
remember, brother,
remember:
man is not our enemy.

The only thing worthy of you is compassion -
invincible, limitless, unconditional.
Hatred will never let you face
the beast in man.

One day, when you face this beast alone,
with your courage intact, your eyes kind, untroubled
(even as no one sees them),
out of your smile 
will bloom a flower.
 And those who love you
will behold you
across ten thousand worlds of birth and dying.

Alone again,
I will go on with bent head,
knowing that love has become eternal.
On the long, rough road,
the sun and the moon
will continue to shine.

Thich Nhât Hanh

(Written in 1965 in Vietnam for the young members of the School of Social Service who risked their lives in the war every day) 

****

Versprich mir, versprich mir heute,
versprich mir jetzt, während die Sonne über dir steht,
genau im Zenith,
versprich mir:

Selbst wenn sie dich niederschmettern
mit einem Berg von Hass und Gewalt,
selbst wenn sie dich zertreten wie einen Wurm,
selbst wenn sie dich zerstümmeln und ausweiden,
vergiss nicht, Bruder, vergiss nicht:
Der Mensch ist nicht unser Feind.

Einzig das Mitgefühl ist deiner würdig -
unbesiegbares, grenzenloses, unbedingtes Mitgefühl.
Hass wird dir niemals helfen, 
der Bestie im Menschen gegenüberzutreten.

Eines Tages, wenn du der Bestie begegnest, allein,
mit all deinem Mut, deinen freundlichen, ungetrübten Augen 
(selbst wenn niemand sie sieht),
wird aus deinem Lächeln eine Blume erblühen.
Und jene, die dich lieben, werden auf dich blicken,
über zehntausend Welten von Geburt und Tod hinweg.

Ich werde weitergehen mit gesenktem Kopf, wieder allein,
und wissen, die Liebe ist unsterblich geworden.
Auf dem langen, steinigen Weg
werden Sonne und Mond immer scheinen.

Thich Nhât Hanh

 

Freitag, 13. November 2015

Lesung in Salzburg

 

Freitag, 20. November 2015, 19.30 Uhr

Die Kostbarkeit des Augenblicks

Lesung aus dem gleichnamigen Buch

Bildungshaus St. Virgil, Ernst-Grein-Straße 14, A-5026 Salzburg, Tel. 0662-65901, www.virgil.at

Das anschließende Seminar beginnt am Samstag, 21. November, um 9.30 Uhr und dauert bis Sonntag um 12.30 Uhr. Ein paar Plätze sind noch frei. Anmeldungen hier (klick).


Sehen wir uns?

Sonntag, 8. November 2015

Das Herz gegen die Feder der Wahrheit aufwiegen


"Im Ägyptischen Totenbuch heißt es, dass nach dem Tod das Herz gegen die Feder der Wahrheit aufgewogen wird. Und nur ein Herz, das ebenso federleicht ist, zeigt an, dass der Tote ein rechtes Leben geführt hat. Was aber ist ein 'rechtes Leben'?

Vor vielen Jahren kaufte ich in der Gärtnerei eine Hortensie. Ich wollte gern eine blaue haben, aber man sagte mir, es gebe in der Natur keine blauen Hortensien; die blaue Farbe entstünde durch Zugabe eines Aluminiumdüngers. Ich kaufte eine rote Hortensie und den Aluminiumdünger und habe jedes Jahr blaue Hortensien. Im Herbst aber, wenn die Blüten absterben, verwandeln sie sich zurück in ihr ursprüngliches Rot.

Ein Freund fragte mich einmal, wie ich gerne sterben würde. Ich sagte: Ich möchte sterben als die, die ich wirklich bin. Ich wünsche mir, dass sich in den letzten Monaten, Wochen oder Stunden alles Künstliche, Aufgesetzte, Falsche, das ich noch mit mir herumtrage, einfach auflöst. Jede Schwermut, aber auch jede Hoffnung; jeder Wunsch danach, beliebter oder schöner oder erfolgreicher zu sein, jedes Bedauern über Versäumtes, jede Sehnsucht, jede Angst. Dann, stelle ich mir vor, wäre mein Herz schwerelos und federleicht.

Vielleicht ist die Angst vor dem Tod im Grunde die Angst davor, sterben zu müssen, ohne unsere ganz eigene Farbe gefunden zu haben."

(Aus: Margrit Irgang "Die Kostbarkeit des Augenblicks. Was der Tod für das Leben lehrt", Kreuz Verlag, ISBN 9783-451613036)

Dienstag, 27. Oktober 2015

"Dieses Lauschen auf die Stille"


Marianne Müller war die Tochter von Johannes Müller, dem Erbauer des legendären Schloss Elmau. Sie wurde eine von Künstlern hochgeschätzte Atemtherapeutin, heiratete nie und ging, wie ihre Nichte sagt, "wie ein Pilger durch die Welt. Sie ist da und doch nicht da."

Der Bayerische Rundfunk hat im Jahr 1998 ein Porträt über sie gedreht, da war sie 94. Sie reiste noch immer nach Indien in den Ashram von Sri Ramana Maharshi, aber sie fand Gott ebenso in den Wiesen um Schloss Elmau oder "in der Begegnung mit einer Kokospalme". Ob sie noch Wünsche habe, wurde sie gefragt. Sie lächelte. Nein, keine Wünsche. Oder doch, diesen: Gott immer tiefer im eigenen Inneren zu erfahren.

Begegnen Sie dieser wunderbaren Frau und der Stille, die sie umgibt, in dem sehr schönen, stimmigen 44minütigen Film "Dieses Lauschen auf die Stille". Hier ist der Link zum Film.

Marianne Müller starb 2006 im Alter von 102 Jahren.

Freitag, 23. Oktober 2015

Morgen ist "Tag der Bibliotheken"


Das Kind, das ich war, lebte in Büchern. Seine Romanfreunde erlebten aufregende Abenteuer, besaßen sprechende Papageien und kluge Hunde, konnten mit einer Hand ein Pferd in die Luft stemmen und hatten für die Welt der Erwachsenen nicht mehr übrig als milde Nachsicht. Das Kind konnte da nur zustimmen: Verglichen mit der Welt der Bücher war alles, was es täglich so erlebte, langweilig. Also musste ständig neuer Nachschub an Büchern herangeschafft werden, und die einzig vernünftige Möglichkeit, den Lesehunger zu stillen, war die örtliche Stadtbücherei.

Nun kostete leider das Ausleihen 10 Pfennig pro Buch, und das war viel Geld. Nach langem Betteln wurden dem Kind 20 Pfennig pro Woche gewährt, das waren gerade mal zwei Bücher. Das Kind brauchte aber PRO TAG EIN BUCH! Es begann, die Bücher von ihrem Umfang her zu beurteilen. Dünne kamen nicht mehr in Frage, ausgeliehen wurde erst ab 3 cm Rückenbreite. Ein weiteres Problem war der Leiter der Stadtbücherei, der, da bin ich mir ganz sicher, einen grauen Kittel trug. Ärmelschoner? Kann schon sein. Grau war er jedenfalls, und unerbittlich. Jedes Buch wurde vor dem Ausleihen streng auf Tauglichkeit für die Leserin geprüft. "Nein, das ist nichts für dich", beschied er immer öfter und stellte das ausgewählte Buch eigenhändig zurück.

Schwierig wurde es ab vierzehn. Die Kinderbücher wurden mir langweilig (und waren im Prinzip auch alle schon von mir gelesen), die Erwachsenenbücher waren vom Grauen verboten. Ich befand mich als Leserin in jeder Hinsicht in einer Grauzone. Bücherlos. Erlebnislos. Als ich etwa sechzehn war, wurden mir von meinem inzwischen zum Feind mutierten Stadtbüchereileiter ein paar milde, gemäßigte, also pottlangweilige Erwachsenenbücher gewährt. Lese-Schonkost sozusagen. Es war Zeit, mit Nachhilfestunden Geld zu verdienen. Ich tat es und wurde Kundin in der einzigen Buchhandlung der Stadt, in der ich mit klopfendem Herzen und sehr schlechtem Gewissen Bücher von Camus, Nabokov und Hemingway kaufte, die verbotene Lektüre.

Als Erwachsene habe ich in jeder Stadt, in die ich zog, sofort die Büchereien erkundet. Noch heute besitze ich mehrere Bibliotheksausweise, obwohl ich Rezensionen schreibe und mit Neuerscheinungen gut versorgt bin. Ich liebe die Stille in den Bibliotheken, die gedämpften Gespräche, das Geraschel umgeblätterter Seiten und die überwältigende Auswahl, aus der ich mich jetzt ungeniert bediene. Niemand kann mir mehr das Lesen eines Buches verbieten! Und ich brauche keinen Cent dafür zu zahlen.

Ich liebe Bibliotheken. Möge es sie noch lange, lange geben.

Mittwoch, 14. Oktober 2015

Rumi: The Guest House. Das Gästehaus.


This being human is a guest house.
Every morning a new arrival.
A joy, a depression, a meanness,
some momentary awareness comes
as an unexpected visitor.

Welcome and entertain them all!
Even if they're a crowd of sorrows,
who violently sweep your house
empty of its furniture,
still treat each guest honorably.
He may be clearing you out
for some new delight.

The dark thought, the shame, the malice,
meet them at the door laughing,
and invite them in.

Be grateful for whoever comes,
because each has been sent
as a guide from beyond.

(Translation: Coleman Barks) 

***
Der Mensch ist ein Gästehaus.
Jeden Morgen eine neue Ankunft.
Eine Freude, eine Depression, eine Gemeinheit,
ein Moment der Bewusstheit: Sie 
kommen als unerwartete Besucher.

Heiße sie alle willkommen und bewirte sie.
Selbst wenn sie eine Bande Kummer sind,
die durch dein Haus fegt und die Möbel hinauswirft:
Erweise jedem Gast die Ehre.
Vielleicht räumt er dich leer
für neue Freuden.

Der düstere Gedanke, die Scham, die Bosheit:
Begrüße sie lachend an der Tür
und bitte sie herein.

Sei dankbar für jeden, der kommt,
denn jeder ist dir geschickt als ein Führer
von der anderen Welt.

(Übersetzung: Margrit Irgang)

Freitag, 9. Oktober 2015

Leben als Gleitschirmflug

Quelle: en.wikipedia.org

"Hier haben wir Drei gestanden und ins Tal geblickt. Zwei Amerikaner auf Hochzeitsreise und die Schwester, die sich nach zwölf Jahren in München und Rom in die Berge zurückgezogen hatte. Hier hat Catherine ausgerufen, dies sei das Schönste, was sie je gesehen habe, definitely the highlight of our trip.

Es ist einer dieser klaren Frühlingstage in den Bergen, an denen die Schweizer Gipfel mit ihren Schneemützen ganz nahe heranrücken und die Illusion vermitteln, sie würden sich quasi um die Ecke befinden, nur eine Fünfminutenfahrt mit dem Wagen entfernt. Ich sitze auf demselben Stein, auf dem ich damals saß, als das auf ein volles langes Leben angelegte Glück dieser beiden Menschen zum Greifen nahe war, so trügerisch nahe wie die Schweizer Berge, und doch war es ein Glück, das man sehen und fühlen konnte. Nur Packen und Festhalten konnte man es eben nicht. Bis dass der Tod euch scheidet, hatte der Priester in der Trauzeremonie gesagt, aber wer denkt an den Tod, wenn er vor dem Altar steht, sie im weißen Kleid mit Schleppe, er im Smoking mit weißer Fliege.

Noch ist die Wiese winterfahl, die Kühe sind noch nicht auf der Alm, aber der Tag ist warm und leuchtet. Ich packe mein Picknick aus. Vom Nachbargipfel löst sich ein Gleitschirmflieger und surft auf einer Welle aus Luft, die ich nicht wahrnehme, die er aber finden muss, um nicht abzustürzen. Schwerelos schwebt er über dem Tal, er wird von dort oben einen herrlichen Rundblick haben, bis in die Schluchten zwischen die Schweizer Schneegipfel hinein. Welch Triumph über die Schwerkraft und welche Anmut, denke ich, und beides ist so gefährdet, denn der da oben reitet praktisch auf dem Nichts, dem großen unsichtbaren ungreifbaren Nichts.

Noch sind wir Drei nicht abgestürzt, Ted, Catherine und ich. Schon vor langer Zeit habe ich gelernt, auf der Luft zu reiten, und Ted und Catherine sind gerade dabei, es zu lernen: Leben als Gleitschirmflug. Sie kennen schon das atemnehmende Glück, das der Flug schenkt, wenn er gelingt. Allmählich wird ihnen klar, wie gefährdet dieser Flug schon immer war. Vielleicht wird es eine sanfte Landung für sie geben, vielleicht auch nicht.

Ich weiß, warum ich an diesen Platz zurückgekehrt bin.

Hier waren drei Menschen glücklich, und Glück vergeht nicht. Es ist aufgehoben in unserer Erinnerung. Da es, wie das Zen sagt, nur diesen Augenblick gibt, geschieht auch das Erinnern in diesem Augenblick. Und das, woran wir uns erinnern, ist hier und jetzt anwesend: Als Wirklichkeit, die etwas bewirkt.

Ich hole meine Kamera aus dem Rucksack. Ich werde Fotos machen von diesem Stein, der Weide und den Schweizer Bergen. Wenn ich sie nach Georgia maile, werde ich schreiben: Erinnerst du dich, Ted, dies ist der Platz, an dem du glücklich warst. Der Platz ist immer noch da. Schließ die Augen, dann findest du ihn.

Es hat diesen leuchtenden Nachmittag gegeben, und Ted war hier, ihn zu erleben. Wir müssen uns Erinnerungen schaffen, die Funken sprühen, sagte der Schriftsteller Kurt Tucholsky. Damit wir, sage ich, wenn wir eines fernen Tages zwischen weißen Laken liegen ohne die Möglichkeit, uns daraus wieder zu erheben, den Funken in uns wiederfinden."

(Aus: Margrit Irgang "Die Kostbarkeit des Augenblicks. Was der Tod für das Leben lehrt". Kreuz Verlag. ISBN 978-3-451-61303-4)
 

Freitag, 2. Oktober 2015

Das Liliental


Es gibt so Tage, da muss ich ins Liliental. Zum Beispiel wegen der guten Luft (Autos müssen draußen bleiben), wegen der Bäume, Vögel und Schafe, aber vor allem wegen der Stille. Auch wenn Hunderte Menschen auf dem riesigen Gelände unterwegs sein sollten - die Stille nimmt sie alle auf in ihren großen Raum. Also bin ich heute ins Liliental gefahren. Die Sonne schien, ein Specht klopfte, ein Kohlweisling setzte sich auf meinen Schuh.


Aus naheliegenden Gründen gab es interessantes Wespenfliegengesumm. Sie summen, wie ich festgestellt habe, als Chor ungefähr im Abstand einer Terz. Na ja, haarscharf daneben.


Kürzlich waren anscheinend meditative Wanderer oder wandernde Meditationsschüler unterwegs und haben dies hinterlassen. (Ich war's nicht!)

 

Eine Mutter erzählte mir neulich, sie und ihre Kinder würden gerne Bäume umarmen. Wenn Sie auch solch eine Familie haben, fahren Sie ins Liliental. Dort gibt es Familienumarmungsbäume, vor denen niemand warten muss, bis er drankommt. Sie brauchen, um den Kreis zu schließen, aber mindestens 2 Kinder, Ihren Mann und sich selbst.


Aber das Schönste hebe ich mir auf bis zum Schluss: Mein Besuch bei den chinesischen Birken (Betula albosinensis), die sich so elegant in edelste schimmernde Seide kleiden, deren Farbe je nach Lichteinfall zwischen Creme, Puder, Apfelblütenrosa, Apricot, Ocker, Mauve und Rosaorangelilagrau changiert. (Einmal einen solchen Stoff finden ...)

Als ich ging, schien die Sonne, der Sprecht klopfte, die Vögel zwitscherten, und eine Eidechse huschte vor mir über den Weg.

Fahren Sie hin, solange das Wetter noch schön ist! Das Liliental liegt am Kaiserstuhl. Von Freiburg kommend fahren Sie entweder durch Wasenweiler und nach dem Ortsausgang rechts in die Weinberge, oder Sie fahren durch Ihringen und nach dem Ortsausgang links in die Weinberge.

Montag, 28. September 2015

Sommers Ende

 

Sommers Ende

Und wieder den Sommer nicht bestanden.
Schneller als wir wuchs das Korn.
Zur Feier des Juli starb das Gras
den Himmel lobte die Lerche.
Die Nacht schlug uns mit Duft und Sternen.
Wir schliefen nie. Wir schliefen immer.

Es war die Rose die sich entfaltete
es war die Kapsel des Mohns die brach.
Wieder vor der Wärme geflohen
Schatten aufgestellt
und in der hohen Stille des Mittags
die Ewigkeit unverändert überlebt.

(Margrit Irgang. Aus: "Leuchtende Stille", Verlag Herder)

***

Zomereinde

En weer de zomer niet goed doorgekomen.
Sneller dan wij groeide het graan.
Ter ere van juli stierf het gras.
De leeuwerik loofde de hemel.
De nacht sloeg ons met geur en sterren.
We sliepen nimmer. We sliepen immer.

Het was de roos die zich ontvouwde,
het was de kap van de klaproos die openbrak.
Weer voor de warmte gevlucht,
voor schaduw gezorgd.
En in de hoge stille middag
de eeuwigheid onveranderd overleefd.

(Aus: "Stralende stilte", Asoka, Vertaling: Piet Hermans)
 

Mittwoch, 23. September 2015

Schon mal meine Homepage angeschaut?



Dort finden Sie einen Überblick über das Wichtigste, was ich so geschrieben habe: Bücher natürlich, aber auch Rundfunk-Features, Essays und Artikel. Mit etlichen Texten zum Lesen, und hören kann man auch was. Hier geht's lang: www.margrit-irgang.de

Das schöne Bild ist von Alfred Bast, den finden Sie hier: www.alfred-bast.de

Auf diesen Blog kommt man auch über die Homepage, das muss aber nicht sein. Dessen Adresse www.margrit-irgang.blogspot.de können Sie direkt in Ihre Browserzeile eingeben oder abonnieren, mit jedem Feedreader oder auch per Mail (dafür gibt es am Fuß dieser ersten Seite eine Möglichkeit). Dann erhalten Sie eine Mail, wenn ein neuer Beitrag gepostet wurde. Von all dem erfahre ich nichts, Sie surfen bei mir ganz privat und frei und anonym.

Viel Freude beim Lesen!

Samstag, 19. September 2015

Nun weht er wieder, der Wind (JOIK)


Nun bläst er wieder, der Herbstwind. Was wird er mit sich bringen, oder trägt er etwas davon? Etwas, das wir ihm gern überlassen, lange schon loswerden wollten, oder etwas, das wir so gerne festhalten würden, aber der Wind, der immer schneller und wilder ist, hat es sich schon geholt ...?

Der JOIK ist der traditionelle Gesang der Samen, bei dem sich die Natur äußert in Form der menschlichen Stimme. Der Joik ist immer schon da, er lebt sozusagen in der Natur und äußert sich durch den Sänger, wenn dieser sich ihm öffnet. Deshalb wurde der Joik früher nicht nur von Laien, sondern vor allem von Schamanen gesungen, begleitet von einer Rahmentrommel. Bis ins 20. Jahrhundert war das Joiken als Ausdruck der samischen Religion verboten.

Der schwedische Komponist Jan Sandström, der in Lappland geboren wurde, hat diesen schönen, archaisch und gleichzeitig melodisch klingenden Joik komponiert: Biegga luothe. Beim Joik sind die Worte nicht wichtig, dennoch gibt es in dieser Komposition welche, so seien sie erwähnt:

"Nun bläst der Wind.
Lo, lo, lo, lo ....
Er kommt mit dem heiligen Geist,
ein Gruß Gottes
an das Volk Lapplands
mit seinem Segen. 
 

Samstag, 12. September 2015

Soeben erschienen: "Die Kostbarkeit des Augenblicks"


Ich sehe in der Gesellschaft viel Angst vor dem Tod; ich dagegen habe den Tod schon lange als meinen Meister akzeptiert. Wer einen nahen Menschen oder auch ein Tier verliert oder zu verlieren droht, weiß auf einmal, was wirklich wichtig ist: Dieser Augenblick mit all seiner Schönheit und seinem Schmerz, denn er feiert das Leben, das noch nicht vorbei ist.

Das Buch besteht aus Tagebucheintragungen über das Sterben meines Bruders und aus Reflektionen über die Vergänglichkeit alles Seienden: der Abschied von der Kindheit und von der Jugend, Verlust des Arbeitsplatzes, der Wohnung und der Heimat, Trennungen, die Pensionierung. Neugierig habe ich mich in diversen Wissensgebieten getummelt und zum Thema die Religionen ebenso befragt wie die Psychologie, die Mystiker, die Schamanen und die Dichter. Auch Menschen, die mir begegnet sind, haben viel beizutragen, denn Verluste sind universell.

Gerade eben erschienen also:

Die Kostbarkeit des Augenblicks
Was der Tod für das Leben lehrt

Kreuz Verlag, ISBN 978-3-451-61303-6

Natürlich ist es wieder kein "Fachbuch", es ist auch kein "Sachbuch", sondern das Buch einer Dichterin, die ihrer Wahrnehmung und Sprache vertraut.

Montag, 7. September 2015

Ein Flüchtlingskind


Letzte Woche trafen Busse mit Flüchtlingen in Freiburg ein, die meisten waren Syrer. Sie wurden empfangen von einer kleinen Gruppe Menschen mit Luftballons. Eine Frau sagte dem Reporter der örtlichen Zeitung, sie würden gern ihre Hilfe anbieten - für Kinderbetreuung vielleicht, und man könne mit den Flüchtlingen auch Yoga machen.

Das Gutgemeinte liegt manchmal sehr weit weg von der Wirklichkeit dessen, für den es gedacht ist.

***

Die Mutter flieht aus Frankfurt an der Oder jede Nacht aufs Neue, mit dem geretteten Köfferchen, unter den Bomben hindurch, an brennenden Häusern vorbei, und das Kind, das es damals noch gar nicht gab, flieht mit, von den Erzählungen der Mutter umsponnen wie von einem klebrigen, unzerreißbaren Netz. Zwei Flüchtlinge also, geflohen aus demselben Land und derselben Sprache, und doch im Ankunftsland für immer Fremde. Misstrauisch gemieden, im besten Fall mit herablassendem Wohlwollen behandelt von den Einheimischen, die gar nicht bemerken, dass sie ein unsichtbarer Graben von den Neuankömmlingen trennt: Sie haben nie ihre Heimat verloren.

Das Flüchtlingskind wächst auf mit Gerichten, die im Ankunftsland niemand kennt und deren Zutaten schwer zu beschaffen sind. Es versteht die verwaschene Sprache nicht, die nur vorgeblich dieselbe ist, die zu Hause so hell und klar klingt. Es lebt mit zwei anderen Menschen in einem einzigen Zimmer ohne Bad und Toilette, während andere Kinder eigene Zimmer haben. Es lebt mit einer Mutter, die in jedem Gewitter herannahende Bombengeschwader hört und bei jedem Klingeln an der Tür die Gestapo vermutet. Das Kind hat keine Ahnung, was es heißt, ein Kind zu sein; es muss seine Mutter vor weiteren Kriegen beschützen. Es wächst auf mit der Gewissheit, dass es keine Sicherheit gibt und man alles Geliebte jederzeit verlieren kann. Es wird erwachsen im Schatten eines Traumas, das nicht sein eigenes ist und doch sein Leben verdunkelt.

***


Die syrischen Asylbewerber haben alles verloren, was sie seit Generationen aufgebaut hatten. Sie sind vor den Bomben und dem Feuer geflohen, die Kinder auf der Schulter, durch mehrere Länder, in vollgestopften Zügen, Bussen und zu Fuß. Sie kommen in ein Land, dessen Sprache sie nicht sprechen, dessen Essen ihnen fremd ist. Sie bekommen eine Pritsche in einem riesigen Zelt zugewiesen, bevor sie weitertransportiert werden an einen Ort, dessen Name ihnen nichts sagt. Freiburg vielleicht. Ja, sie sind froh, vorübergehend in Sicherheit zu sein. Aber ihre Verluste und Kriegstraumata werden auch an ihren Kindern nicht spurlos vorübergehen.

Diese Menschen brauchen unseren Respekt für ihren Weg und das, was sie erlebt haben. Und vielleicht müssen sie irgendwann später davon erzählen. Dann brauchen sie unsere bedingungslose Aufmerksamkeit. Eine Aufmerksamkeit, die nicht schon vorher zu wissen meint, was da gesagt werden wird, die keine Meinung hat, kein Urteil abgeben will, keinen Trost und keine Ratschläge anbietet und niemanden erziehen will. Auf diese Weise zuzuhören ist eine Kunst, und nicht viele Menschen beherrschen sie.

Der Graben, der die Flüchtlinge von denen trennt, die nie die Heimat verloren haben, ist riesig. Vielleicht kann nur ein Flüchtlingskind das ein wenig verstehen.

Bitte beachten Sie die Aktion www.blogger-fuer-fluechtlinge.de

Samstag, 29. August 2015

Bergstille


Man muss früh auf dem Berg sein, dann ist man allein mit den Schmetterlingen und dem Wind. Allein mit der Stille. Von weither die Glocken der Kühe, sie stören die Stille nicht, im Gegenteil: Sie vertiefen sie. Im Dunst weit hinten Eiger, Mönch und Jungfrau. Nur der Montblanc, den man an klaren Tagen angeblich sehen kann, hat sich eine Nebelkapuze übergezogen.

Ich sitze auf der einzigen Bank. Hinter mir Schritte, ein Mann. Er setzt sich neben mich, es gibt ja nur eine Bank. Zerfurchtes sonnengeledertes Gesicht, Socken, die nur noch Fersen, keine Zehen mehr haben. Ein unendlich schmutziger Rucksack. Nun ist für eine, die eine Eremitenseele hat, ein Mann in der Bergstille eine Prüfung. Männer (auch Frauen) beginnen in solchen Momenten gern ein Gespräch. Man hat ja gelernt, da unten in der Zivilisation der Städte, dass man sich nicht einfach stumm neben jemanden auf eine Bank setzen kann. Da muss man ein wenig plaudern, ein kleines Band aus Worten knüpfen, und das mit allerlei Absichten. (Man will höflich/freundlich/interessiert erscheinen, ist neugierig, wünscht sich was, denkt sich was aus.)

Der Mann mit den zehenlosen Socken sitzt neben mir und schweigt. Es ist ein völlig ruhiges Schweigen von einem, der das kann. Ein Schweigen wie dieses muss man lange geübt haben. Es bleibt ganz bei sich, greift nicht unsichtbar mit energetischen Haken nach der anderen da auf der Bank. Es schickt auch keine Gedankenwellen aus. Der Mann schweigt, wie Wildtiere schweigen, die noch mit dem Urgrund der Stille verbunden sind.

Der Wind weht, die Kuhglocken läuten, die Sonne steigt und ist heiß. Irgendwann steht der Mann auf, ergreift seinen Rucksack und geht. Grußlos. Still.

Sonntag, 23. August 2015

"Ich sitz jetzt im Zug!"


In den letzten Wochen war ich viel im Zug unterwegs. Ich bin gefühlte zwei Dutzend Mal umgestiegen, von einem Zug in den anderen, und Hunderte Menschen stiegen mit mir um oder stiegen zu, während ich noch sitzen bleiben durfte. Mit Koffern, Taschen, Rucksäcken, Beuteln. Und kaum hatten sie ihren Platz eingenommen, holten gefühlte 90 Prozent der Zugestiegenen aus ihren Koffern, Taschen, Rucksäcken oder Beuteln ein Smartphone, tippten eine Nummer ein und begannen ihre Konversation mit dem Satz: "Ich sitz jetzt im Zug!"

Warum will jemand jemandem, den er vielleicht gerade erst verlassen hat oder in Kürze sehen wird, sofort und dringlich mitteilen, dass er im Zug sitzt? Ich brauchte zwei Haltestellen und zwei Äpfel aus meinem Proviant, bis ich begriff: Die teilen das nicht dem anderen mit, sondern sich selbst. Sie haben gerade entdeckt, dass sie Menschen auf der Schwelle sind.

In alten Häusern gab es die sichtbare hölzerne Schwelle, die Drinnen und Draußen trennte, die Haustür vom Garten, die Zimmertür vom Flur. Heute geht das Drinnen nahtlos über in das Draußen. Vor den Geschäften öffnen sich einladend gläserne Schiebetüren, sobald man ihnen zu nahe kommt, und die Häuser - vorbildlich rollstuhlgerecht eingerichtet - haben durchgehend Parkett. Keine Schwelle mehr, keine Trennung, kein Übergang von einem Raum in den anderen. Und somit kein Bewusstsein mehr dafür, dass unterschiedliche Räume unterschiedliche Empfindungen auslösen, von uns unterschiedliche Antworten, Handlungen oder Gesten verlangen. Beim Überschreiten jeder Schwelle müssten wir uns auf subtile Weise neu verorten; heute stolpern wir stattdessen unbemerkt in etwas Neues hinein, das wir, da wir auf Neues nicht vorbereitet waren, als leise bedrohlich empfinden.

Wer Zug fährt, ist nicht mehr dort, von wo er aufgebrochen ist, aber auch noch nicht dort, wo er hinwill. Nicht zufällig heißen die Dinger, über die der Zug fährt, Eisenbahnschwellen. Und weil Zugfahren ein so ungewöhnlich langer Aufenthalt im scheinbaren Niemandsland zwischen dem Nicht-Mehr und Noch-Nicht ist, kann einem schon mal der Gedanke kommen, dass die Schwelle vielleicht sogar grundsätzlich der Ort des Menschen ist. Ein Ort, der sowohl dem Hier als auch dem Dort angehört; ein Unterwegssein, das kein Ende hat und deshalb kein Ankommen kennt, oder besser: ein Ankommen, das kein Ziel braucht, weil wir immer schon angekommen sind. In diesem Moment, der schon nicht mehr der vorherige Moment ist. Auf dieser Schwelle. Hier, im Jetzt.

Solche Gedanken können einem schon kommen beim Zugfahren. Wie beruhigend, wenn man dann ein Smartphone aus seiner Tasche holen kann und jemanden hat, dem man erzählen kann: "Ich sitz jetzt im Zug!"

Mittwoch, 19. August 2015

Study Course in The Netherlands



The well known Zen school zen.nl will offer a study course based on my book "Dit ene moment" in most of its 39 branches in the Netherlands. Here you find more informations.

This book is the Netherlands edition of "Dieser Augenblick". I tell a lot of stories because stories speak to our hearts rather than to our intellects. In a playful way they act as mirrors for us. In their images we find ourselves, our habits and our opinions which prevent us from becoming truly free.

I am grateful that my Zen friends in the Netherlands find my book helpful. I wish you all a wonderful and joyful time.

Samstag, 8. August 2015

Weißt du, was du bist? Do you know what you are?



Do you know what you are?
You are a manuscript of a divine letter.
You are a mirror reflecting a noble face.
This universe is not outside of you.
Look inside yourself;
everything that you want,
you are already that.

Rumi

Weißt du, was du bist?
Du bist das Manuskript eines göttlichen Briefes.
Du bist ein Spiegel, der ein edles Gesicht spiegelt.
Dieses Universum ist nicht außerhalb von dir.
Schau in dich hinein:
All das, was du willst,
bist du bereits.

Rumi

Mit dieser Frage verabschiede ich mich für ein paar Tage und ziehe mich in die Stille zurück. Bis bald!

Mittwoch, 5. August 2015

Der achtzehnte Elefant

Foto: Alexander Klink via Wikipedia

"Eines Tages starb ein reicher indischer Kaufmann und hinterließ seinen drei Söhnen siebzehn Elefanten. In seinem Testament bestimmte er, dass der älteste Sohn die Hälfte, der Zweitgeborene ein Drittel und der Jüngste ein Neuntel davon bekommen sollte. Die Söhne rechneten nächtelang und kamen zu keinem Ergebnis. Da kam ein Minister des Königs, der auf einem Elefanten unterwegs war, durch das Dorf, hörte von dem Problem der Brüder und bot seine Hilfe an 'Nehmt meinen Elefanten dazu', sagte er. 'Und dann teilt die achtzehn Elefanten auf, wie Euch aufgetragen wurde.'

Die Brüder wunderten sich über die Großzügigkeit des Fremden, nahmen das Angebot an und machten sich an die Aufteilung. Der Älteste bekam die Hälfte, also neun. Der Zweitälteste bekam ein Drittel, also sechs, und der Jüngste sein Neuntel, also zwei. Insgesamt waren das siebzehn Elefanten. Die Brüder dankten dem Minister für seine Hilfe, der Minister schwang sich auf seinen Elefanten und ritt davon."

(Aus: Margrit Irgang "Geh, wo kein Pfad ist, und hinterlasse eine Spur. Ermutigung zum Eigensinn". Herder Verlag ISBN 978-3-451-06111-0)

Donnerstag, 30. Juli 2015

Der Brief


Ich erwarte einen Brief. Einen richtigen, mit der Hand auf Papier geschrieben, für dessen Beförderung der Absender Geld bezahlt hat. 62 Cent, vielleicht sogar 90. Denn der Brief wird ein oder zwei Fotos enthalten, richtige Fotos, abgezogen auf Glanzpapier.

Ich erwarte diesen Brief seit einer Woche. Seit einer Woche blicke ich ab halb zwölf hin und wieder erwartungsvoll aus dem Fenster. Zwischen zwei Häusern in einer Querstraße ist eine kleine Lücke, dort kommt er angeradelt, der Briefträger. Wieso heißt das eigentlich Brief-Träger? Er wird den Brief ja nur von seinem Fahrradkorb zu meinem Briefkasten tragen, wenn er den Brief endlich einmal dabei hat. Ich kenne inzwischen den Briefträgerzustellrhythmus in meinem Viertel. Es sind Ferien, der Briefträgerzustellkorb auf dem Briefträgerfahrrad ist überschaubar gefüllt. Dieses Fahrrad ist bezaubernd, ich hatte das noch nie bemerkt. Es hat einen Rost, den man mit einem Fußtritt herunterzieht, dann steht das Rad. Daran befestigt ist ein kleines Rad. Man kann das Fahrrad also im Stand schieben, sozusagen, von Haustür zu Haustür, wenn es sich nicht lohnt, sich in den Sattel zu schwingen. Der Sound, mit dem der Fußrost einrastet, ist einzigartig und schwer zu beschreiben. Ein kräftiges, nach altem Eisen klingendes Klack! Das Klack! kündigt an: da wird etwas geliefert, es meint mich. Vielleicht eine Rechnung, vielleicht die Werbung vom örtlichen Supermarkt. Vielleicht mein Brief?

Es ist alles so aufregend.

Ich erwarte einen Brief und mutiere zum Weltempfänger. Der nicht eingetroffene Brief schickt mir so viele Eindrücke über den Weg, dass ich einen Blogpost darüber schreiben muss. Heute auf einmal ein anderer, junger Briefträger, der sportlich mit kräftigen Waden in die Pedalen trat. Hat der übliche Ferien? Ist er am Ende krank? Hat er meinen Brief verloren, vergessen, mit nach Hause genommen, weil er so glücklich ist, endlich einmal einen Brief austragen zu dürfen und keine Werbeprospekte? Wird der junge Neue zuverlässig sein? Meinen Brief respektvoll behandeln?

Ich habe die Brieferwartungsfreude meiner Kindheit wiederentdeckt. Vielleicht brauche ich den Brief jetzt gar nicht mehr? Kann der Empfang mehr sein als die Freude des Erwartens?

Morgen um halb zwölf halte ich wieder Ausschau.

Freitag, 24. Juli 2015

Was tust du, wenn du nicht weißt, was du tun sollst?


"You know what I do when I don't know? I know one thing: I know it's simply not the time to know. So I relax. I don't even try to know. And what you find is you know exactly when you need to know and not one second sooner. That's how it is. And it's not just for me. It's for everybody. The only question is, how much struggling do you do in-between. So sometimes it's just not the moment to know. And that opens you up to a real sensitivity. It's easier for life to get through to you. Because you're listening instead of desperately trying to know."

Adyashanti

"Weißt du, was ich tue, wenn ich nicht weiß, was ich tun soll? Ich weiß nur eins: Ich weiß, dass es einfach nicht die richtige Zeit ist, um zu wissen. Also entspanne ich mich. Ich versuche nicht einmal, zu wissen. Und dann stellt sich heraus, dass du es in genau dem Moment weißt, in dem du es wissen musst, und nicht eine Sekunde früher. Genau so ist es. Und nicht nur für mich, sondern für jeden. Die Frage ist nur: Wie sehr kämpfst du in der Zeit dazwischen? Also, manchmal ist es einfach nicht an der Zeit, zu wissen. Und das öffnet dich in eine wahre Sensibilität. Es ist leichter für das Leben, zu dir durchzudringen, weil du jetzt lauschst und nicht mehr verzweifelt versuchst, zu wissen."

Adyashanti

Dienstag, 14. Juli 2015

SWR 2: Muße


Heute schon in der Hängematte gelegen? Mit einem Kind Seifenblasen gepustet? Die Katze gestreichelt, dem Hund Stöckchen geworfen? Einen langen Spaziergang gemacht? Ein Gedicht gelesen? Noch mal gelesen? Einen Eiskaffee getrunken, mit zwei Kugeln Vanilleeis? Gestern der Erde dabei zugeschaut, wie sie sich von der Sonne wegdreht, und klar gesehen, dass die Sonne deshalb keineswegs untergeht?

Nein? Dann wird es Zeit, mein Feature zum Thema Muße zu hören, fünfundzwanzig Minuten lang.

Zum Begriff "Muße" weiß der Duden Interessantes zu berichten:

"Die nur deutsche Substantivbildung Muße ist eng verwandt mit dem unter müssen behandelten Verb und gehört mit der Sippe von messen zu der umfangreichen Wortgruppe von 'Mal, Zeitpunkt'. Das Wort bedeutete ursprünglich etwa 'Gelegenheit oder Möglichkeit, etwas tun zu können'."

"Müssen" ist also die große dicke Schwester der kleinen unbeachteten "Muße". Die große Schwester zwingt uns offenbar kollektiv zum Schreiben zahlloser E-Mails in immer kürzeren Zeitabständen, lässt uns so viele Erledigungen, Erlebnisse und Pflichten in unsere Zeit pressen, wie das gerade noch möglich ist. Wussten Sie, dass sich das Aufführungstempo klassischer Musik in den letzten Jahrzehnten enorm beschleunigt hat? Und ich durfte noch vor wenigen Jahren Eineinhalb-Stunden-Sendungen für den SWR machen - eine Länge, die man dem Hörer heute nicht mehr zumuten will.

Über all dies habe ich mich für ein SWR-Feature unterhalten mit dem Soziologen Professor Hartmut Rosa, dem Künstler Alfred Bast und der Journalistin Gerlinde Knaus. Wir kamen zu dem Schluss, dass Muße kein Selbstzweck ist, sondern lebenswichtig: Unsere oft wahllos in unsere kostbare Zeit gestopften Erlebnisse müssen zu Erfahrungen werden, um uns wirklich zu verwandeln - und das erfordert regelmäßige schöpferische Pausen. Ich meine, wir sollten uns wieder auf den Muße-Begriff der Antike besinnen, wo die Muße einen hohen Stellenwert hatte: Erkennen und Einsehen galt damals als Lebensweise. Das können wir übrigens heute von den Künstlern, Dichtern und Philosophen lernen. Was tun diese, wenn sie Inspiration brauchen? Sie legen sich in die Hängematte, pusten Seifenblasen, streicheln die Katze ....


"Muße. Plädoyer für das schöpferische Innehalten". Feature von Margrit Irgang. Hier ist der Link zum Anhören der Sendung in der Mediathek.

Freitag, 10. Juli 2015

Sechs Mönche des Sera Jey Ngari Khangtsen streuen ein Sandmandala


Das Sera Jey Monastery in Karnataka ist eines der ältesten tibetischen Flüchtlingskloster in Südindien. Sechs seiner Mönche streuen seit Anfang dieser Woche im Tibet Kailash Haus in Freiburg ein traditionelles Sandmandala. 

Es ist warm und still. Geshe Lobsang Tashi, Geshe Nawang Zangpo und Ngarampa Thupten Nyima beugen sich über das Podest und schütten das vorgezeichnete Muster mit farbigem Sand auf. Hochkonzentriert und entspannt zugleich. Sie haben keine Eile. Das Kunstwerk wächst stetig, morgen, am Samstag, wird es fertig sein. Circa zwei mal zwei Meter, ein Mandala, das den universellen Frieden ausdrückt und erschaffen wird mit dem Wunsch, diesen Frieden zu verbreiten.


Westliche Kunst entsteht aus dem Individualismus und feiert ihn. Östliche Kunst dagegen - die tibetische wie auch die japanischen Zen-Künste Kalligrafie, Tuschemalerei und Ikebana -ist überpersönlich. In langen mühsamen Lehrjahren hat sich der Künstler, die Künstlerin, so geschult, dass nicht das Ego, sondern die uns allen innewohnende Weisheit und strahlende Stille den Pinsel führt, den Sand schüttet, die Blumen steckt. Ein solches Kunstwerk zu betrachten ist Meditation: Weisheit und Stille strahlen auf den Betrachter zurück.

Und doch ist ein Kunstwerk nur für den Augenblick gemacht, eine Manifestation der unablässigen Veränderung alles Seienden. Als Zeichen dafür wird das fertige Sandmandala morgen, Samstag, mit einem Ritual aufgelöst und gegen 18 Uhr in einer Zeremonie der Dreisam übergeben, dem kleinen Freiburger Fluss, der nie aufhört zu fließen.

Morgen von 15 bis 20 Uhr wird im Tibet Kailash Haus ein Sommerfest aus Anlass des 80. Geburtstags des Dalai Lama stattfinden. Mehr darüber unter diesem Link.                                                                              

Sonntag, 5. Juli 2015

SOMMER!


Ein Samstagabend im Juli. 35 Grad. Windlichter auf den Balkonen, Gläserklirren, leise Gespräche in der Sommernacht. Der Himmel voller Sterne, der Mond ein riesiges Käserad. Duftende Rosen, quakende Frösche, die ersten Grillen sägen in den Wiesen. Das tägliche Straßenbild: bunte Sommerkleider, Sandalen, Strohhüte. Hoch-Sommer. Der Höhepunkt des Jahres. Ein Mehr an Intensität ist nicht möglich.

In meiner früheren Zen-Schule wurde im sesshin jeden Abend vor dem Schlafengehen ein Spruch vorgelesen, als Mahnung und Erinnerung:

"Das Leben ist schnell vorbei. Deshalb sage ich euch: Seid wach! Nichts sollt ihr nachlässig behandeln, alles ist wichtig, alles ist kostbar! Und vergesst nicht: Was immer euch begegnet, ist euer Leben."

Im Supermarkt und an Straßenecken wehen mir Klagen ins Ohr. Es sei "zu" heiß, man könne nicht schlafen. Diese Hitzeperiode dauere schon "zu" lange, es sei Zeit für gemäßigteres Wetter. Vor ein paar Wochen hörte ich, es sei "zu" nass für die Jahreszeit, im Winter war es "zu" kalt, und vom Schnee gab es "zu" wenig.

Der Sommer ist schnell vorbei. Wir sollten ihn nicht nachlässig behandeln. Wenn wir jetzt nicht wach sind - wann wollen wir es dann sein?

Noch gibt es leise Gespräche in der Sommernacht, duftende Rosen und zirpende Grillen. Noch ist Hoch-Sommer.

Mittwoch, 1. Juli 2015

Drei ältere Herren rocken das Haus


Der Sommer ist endlich da, die Rosen explodieren in allen Schattierungen von Rosa, Rot und Gelb, die Vögel bekommen Vögelchen, die Nächte sind kurz und warm und duften. Und in der Weltpolitik herrscht Krise, es geht um Geld, viel Geld, mehr Geld.

Da hilft nur Musik.

Mein Lieblingsstück des amerikanischen Kontrabassisten Edgar Meyer, hier im Konzert aufgeführt von ihm zusammen mit Mark O'Connor und dem wie immer hinreißenden Yo-Ya Ma am Cello: "1B".

Eine Musik, zu der man tanzen sollte, mit jemand sehr Nettem, alleine oder mit der Katze, in einer warmen duftenden Julinacht.

Samstag, 27. Juni 2015

"Wunderbare Unvollkommenheit"

Foto: Verlag Herder

"Yehudi Menuhin sagte einmal: 'Leben heißt Geige spielen zu lernen, während man ein Konzert gibt.'

Warum üben Sie Zen? Glauben Sie, eines Tages perfekt zu sein, erleuchtet, ein 'guter Mensch' (was immer Sie sich darunter vorstellen)? Was machen Sie mit Ihrem Leben in der Zwischenzeit? Wie gehen Sie um mit all der Unvollkommenheit, die Sie trotz Ihres Bemühens immer noch an sich bemerken? Verdrängen Sie Ihre Wut, ignorieren Sie Ihren Neid, verstecken Sie Ihre Habgier, Ihre Unsicherheit, Ihre tausend Ängste?

Wenn wir Zen üben, bekommt unser sorgfältig gehütetes Selbstbild Risse, und die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass es eines Tages ganz zusammenbrechen wird. Wir stellen fest, dass wir nicht der dynamische, erfolgreiche, beliebte Typ sind, der in unserer Gesellschaft so gut ankommt. Wir sind nicht die Mischung aus Karrierefrau, liebevoller Mutter, guter Hausfrau und leidenschaftlicher Geliebter, die uns in einer Fernsehserie so imponiert. Das zuzugeben ist uns peinlich, und wir tun alles, um die Peinlichkeit zu überdecken. Wir ziehen in eine andere Gegend, verwenden viel Sorgfalt auf unsere Garderobe, treten einem Club bei und melden unsere Kinder in einer besseren Schule an.

Wenn wir Glück haben, geht uns eines Tages die schlichte Tatsache auf, dass es keinen Ort auf dieser Welt gibt, an dem wir uns verstecken können, und dass Verstecken auch nicht notwendig ist. Denn den anderen Menschen geht es ganz genauso wie uns. Wir alle lernen Geige spielen und führen währenddessen miteinander ein Konzert auf, das so schräg, schön und grauenhaft ist, dass wir, hätten wir wahrhaft offene Ohren, abwechselnd schaudern, jubeln und lachen müssten. Und jeder, wirklich jeder, hört, wenn wir danebengreifen.

Rauft sich ein Geiger die Haare, wenn ihm das passiert? Wirft er den Bogen in die Ecke, brüllt er sein Publikum an, bricht er das Konzert ab? Nein, er spielt einfach weiter. Der Augenblick unseres Fehlgriffs ist nur ein Augenblick, vergangen auf Nimmerwiedersehen. In diesem Augenblick aber gelingt uns ein wunderschöner Ton, der alle aufhorchen lässt."

(Aus: Margrit Irgang "Wunderbare Unvollkommenheit. Das Zen-Buch der Lebenskunst". Herder Verlag, ISBN 978-3-451-06740-2)

Montag, 22. Juni 2015

David Steindl-Rast on Silence



Bruder David Steindl-Rast (geboren 1926) ist ein österreichischer Benediktiner-Pater, der intensiv Zen studiert hat bei diversen Meistern und heute abwechselnd in Österreich und seinem Kloster in den USA lebt. Er hat durch seine eigene Praxis erkannt, dass die spirituellen Traditionen der Weltreligionen eine gemeinsame Tiefe teilen. Wann immer ich die Gelegenheit habe, besuche ich einen Vortrag von ihm. Ihn zu hören und zu erleben, ist Meditation: Die innere Stille, in der er lebt, entfaltet sich, der Saal wird zum weiten Raum, und Hunderte Menschen bekommen eine Ahnung davon, was Meditation ihnen geben könnte.

For my English speaking readers I chose a video in English.

"When you really go deep inside you come in contact with something that goes beyond words. I cannot really describe it, I would speak of a vast wideness, openness, something like the desert, the sand dunes with the starry sky by night."

"Wenn Sie wirklich in die Tiefe gehen, kommen Sie in Kontakt mit etwas, das jenseits von Worten ist. Ich kann es nicht richtig beschreiben. Ich würde es eine immense Weite und Offenheit nennen, etwas wie die Wüste, die Sanddünen mit dem sternbesetzten Himmel bei Nacht."

Von David Steindl-Rast gibt es zahllose empfehlenswerte Bücher auf Deutsch.

Dienstag, 16. Juni 2015

Thich Nhât Hanh: "Meine wahre Natur" (2. Teil)


Thich Nhât Hanh hatte also im Alter von 36 Jahren eine Erfahrung seiner wahren Natur, und solch ein Erlebnis geht nicht spurlos vorüber. Heute, 50 Jahre später, können wir erkennen, dass seine Arbeit von dieser Erfahrung geprägt ist: "Sangha" als Gemeinschaft der Praktizierenden ist die Praxisform in seiner Intersein-Schule - als gelebter Ausdruck für die Nicht-Dualität, das Nicht-Getrenntsein von allem, was ist.

Was Thây damals erfahren hat, geschieht heute immer mehr Menschen, auch wenn die Einzelheiten der Erfahrung ganz anders sein mögen, gefärbt von der Individualität des Einzelnen und seinem eigenen Weg. Offenbar ist aber die Zeit reif für die kollektive Erfahrung der Nicht-Dualität, und zweifellos ist es das, was in der Gesellschaft dringend gebraucht wird: Menschen, die gesehen haben, dass sie nicht ihr kleines Ego sind, sondern der weite Raum, in dem alles mit allem verbunden ist - und die nach dieser Erkenntnis handeln. Heute wird eine solche Erfahrung zumeist mit dem Begriff "Erleuchtung" bezeichnet. Thây tat dies ausdrücklich nicht, denn als buddhistischer Mönch konnte er sich selbst nicht für "erleuchtet" erklären. Ich finde den Begriff ohnehin ziemlich heikel. Es könnte leicht der Eindruck entstehen, die "Erleuchtung" sei etwas Besonderes (unser Ego liebt es, besonders zu sein, und wird die "Erleuchtung" sofort dazu benutzen, sich aufzuplustern zu einem "erleuchteten Ego") oder sie sei ein Stadium, das man ein für alle Mal erreicht. Das Erwachen zu unserem wahren Wesen jedoch ist - darin sind sich alle Lehrer einig - ein lebenslanger Prozess, der immer weitere Tiefen offenbart, aber auch immer neue Fallstricke bereithält.

Eine einmalige Erfahrung zu machen ist relativ leicht. Was aber geschieht danach? Suzuki Roshi sagte einmal: "Genau genommen gibt es gar keine Erleuchtung. Es gibt nur erleuchtetes Handeln im gegenwärtigen Moment." Und das gelingt uns mal mehr, mal weniger gut, denn wir fallen aus der Erfahrung der Einheit und Ganzheit schnell wieder heraus in die Getrenntheit. Adyashanti formuliert es deutlich: "Erleuchtung, wenn sie echt ist, erspart uns nichts und bewahrt uns vor nichts. Eigentlich ist die erleuchtete Perspektive letztlich das, was uns nicht mehr erlaubt, uns von irgendeinem Bereich unseres Lebens abzuwenden." Der Titel eines schönen Buches von Jack Kornfield lautet "After the Ecstasy the Laundry". Und Thây erinnert uns Schülerinnen und Schüler immer daran: "Erwachen ist unsere Praxis." 

***
 
Hier ein weiterer Auszug aus Thâys Tagebuch, den ich so schön finde, weil er in ihm unverfälscht von Emotionen spricht, die wir bei ihm nicht vermutet hätten - und die wir uns selbst leider so oft verbieten:

"Als der Sturm dann schließlich vorüber war, lagen Schichten von innerem Mörtel in Schutt. Ich war voller Wunden, und dennoch empfand ich mein Alleinsein als etwas fast Erregendes. Niemand würde mich in meiner neuen Manifestation erkennen. Niemand, der mir nahe stand, würde wissen, dass ich es war. (...) Wie könnten wir weiterleben, wenn wir nicht der Veränderung unterworfen wären? Um zu leben, müssen wir jeden Augenblick sterben. Immer wieder müssen wir in den Stürmen zu Grunde gehen, die Leben erst möglich machen. Es wäre besser, dachte ich, wenn alle mich aus ihrem Gedächtnis streichen würden. Ich kann kein menschliches Wesen sein und gleichzeitig ein unveränderliches Objekt von Liebe oder Hass, von Verehrung oder Ärgernis. Ich muss mich entwickeln. Als Kind wuchs ich aus den Kleidern heraus, die meine Mutter mir genäht hatte. Ich kann diese nach kindlicher Unschuld und mütterlicher Liebe duftenden Kleider der Erinnerung willen in einem Koffer aufbewahren. Aber ich muss jetzt neue, andere Kleider haben, damit sie dem passen, der ich geworden bin.
                         
 Wir müssen uns die Kleider selbst nähen und dürfen nicht einfach nur die von der Gesellschaft produzierte Fertigware akzeptieren. Die Kleider, die ich mir selbst nähe, mögen nicht der Mode entsprechen und für die meisten vielleicht sogar inakzeptabel sein. Aber es ist keine Sache der Kleider allein. Es hat damit zu tun, wer ich als Mensch bin. Das Metermaß, mit dem andere mich messen, lehne ich ab. Ich verwende mein eigenes Metermaß, eins, das ich selbst entdeckt habe, auch wenn ich mich damit in Opposition zur öffentlichen Meinung befinde. Ich muss der sein, der ich bin. Ich kann mich nicht zurück in die Schale zwängen, die ich gerade durchbrochen habe. Das macht mich sehr einsam. (...) Mir war schon früh klar, dass die Wahrheit finden nicht gleichbedeutend ist mit Glück finden. Du sehnst dich danach, die Wahrheit zu erkennen. Ist dir das aber gelungen, ist es nicht zu vermeiden, dass du leidest. Wäre es anders, hättest du nichts begriffen. Du bist immer noch den willkürlichen, von anderen festgelegten Konventionen ausgesetzt. (...) Du kannst Wahrheit nicht von anderen übernehmen, du musst sie unmittelbar erfahren."

(Aus: Thich Nhât Hanh "Der Duft von Palmenblättern", Herder Verlag, Freiburg. Das Buch ist vergriffen, aber z.B. über booklooker online noch erhältlich. In English: "Fragrant Palm Leaves", Parallax Press, Berkeley.)

Freitag, 12. Juni 2015

Thich Nhât Hanh: "Meine wahre Natur" (1. Teil)

Quelle: Wikipedia org.

Worum geht es im Zen? Es geht immer um das Erwachen zu unserem wahren Wesen. Die Übung, die zum Erwachen führt, kann ganz unterschiedlich sein - das stille Sitzen auf dem Kissen, das langsame oder schnelle Gehen in Raum und Natur und/oder die hellwache Präsenz in allem, was getan wird (Letzteres wird heute "Achtsamkeit" genannt). All dies bereitet eine große Erfahrung vor, die nicht unbedingt "schön" sein muss: Sie erschüttert vielmehr das Bild, das wir bisher von uns und der Welt hatten.

Viele Menschen, die keine Vorerfahrung im japanischen Zen haben, glauben, dass die Übung der Achtsamkeit in der Intersein-Schule von Thich Nhât Hanh nur dies sei: Langsames Gehen, Lächeln, Innehalten bei jedem Glockenklang und eine sehr umfassende Ethik. Mit ganzer Leidenschaft praktiziert, kann diese Übung jedoch zum Erkennen unserer wahren Natur führen! Als er Mitte Dreißig war, schrieb Thây, wie wir ihn nennen, ein Tagebuch. In Vietnam hatte er - enttäuscht vom offiziellen Buddhismus, der keine gelebte Erfahrung mehr war - mit Freunden ein Waldkloster gegründet. Dann ging er als Stipendiat an die Princeton University nach New Jersey, und dort hatte er eine Erfahrung, die er als Einblick in seine wahre Natur beschrieb. Solch eine Erfahrung kann man als Anfangsstadium des Erwachens bezeichnen, und natürlich wird sie für jeden Menschen anders aussehen. Die gute Nachricht aber ist, dass jeder Mensch fähig ist, diese Erfahrung zu machen.

Wer noch immer glaubt, "Achtsamkeit" sei ein Selbstzweck, um ein wenig gelassener, langsamer und gesünder zu werden, lese jenes Tagebuch.

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In diesem ersten Teil geht es (stark gekürzt) um die Erfahrung selbst, in meinem nächsten Post auf diesem Blog in ein paar Tagen wird es um die Konsequenz gehen, die Thây daraus gezogen hat.

"Es begann im Oktober. Zunächst schien es nur so zu sein, als zöge eine Wolke vorüber. Nach ein paar Stunden aber hatte ich das Gefühl, als würde sich mein Körper in Rauch auflösen und davontreiben. Ich verwandelte mich in einen kleinen Wolkenfetzen. Bislang hatte ich immer geglaubt, ich sei ein solides, fest gefügtes Wesen. Und plötzlich stellte ich fest, dass es mir an Festigkeit völlig mangelte.Das war keine philosophische Erkenntnis. Noch weniger war es ein Erleuchtungserlebnis. Es war nur ein ganz gewöhnlicher Eindruck. Ich erkannte: Das Wesen, das ich bisher für mein 'Ich' gehalten hatte, war nichts anderes als eine Täuschung. Meine wahre Natur, so wurde mir klar, ist viel unverfälschter, sowohl hässlicher als auch schöner, als ich es mir je hätte vorstellen können. (...)

Ich erkannte, dass ich leer bin, leer von Idealen, Hoffnungen, Standpunkten oder Loyalitäten. Da gibt es keine Versprechen, die ich einhalten müsste. In diesem Augenblick schwand das Empfinden, eine Entität unter anderen Entitäten zu sein, das heißt, eine von anderen Seinsweisen getrennte und unabhängige Existenz zu haben; es schwand das Gefühl, getrennt zu sein von allem anderen, was ist. Mir war bewusst, dass diese Einsicht ihre Ursache nicht in Enttäuschung, Verzweiflung, Furcht, Begierde oder Unwissenheit hatte. Leicht und leise hatte ein Schleier sich gehoben. Das war alles.

Wenn du mich schlägst, steinigst oder sogar erschießt, wird all das, was gemeinhin als mein 'Ich' angesehen wird, zerfallen. Dann wird sich das, was wirklich ist, offenbaren - so zart wie ein Nebelschleier, so schwer fassbar wie die Leere, und dennoch weder Nebel noch Leere, weder hässlich noch nicht-hässlich, weder schön noch nicht-schön. In dem Augenblick hatte ich das tiefe Gefühl, zurückgekehrt zu sein. Meine Kleider, meine Schuhe, ja das innerste Wesen meiner Existenz waren verschwunden, und ich war so sorgenfrei wie ein Grashüpfer, der sich auf einem Grashalm ausruht. Wie der Grashüpfer, so machte auch ich mir keine Gedanken über das Göttliche."
 
(Aus: Thich Nhât Hanh "Der Duft von Palmenblättern", Herder Verlag, Freiburg. Das Buch ist vergriffen, aber z.B. über booklooker online noch erhältlich. In English: "Fragrant Palm Leaves", Parallax Press, Berkeley)