Donnerstag, 29. Dezember 2016

Die Dunkelheit. Das Licht.


Du Dunkelheit, aus der ich stamme
von Rainer Maria Rilke

Du Dunkelheit, aus der ich stamme,
ich liebe dich mehr als die Flamme,
welche die Welt begrenzt,
indem sie glänzt
für irgend einen Kreis,
aus dem heraus kein Wesen von ihr weiß.

Aber die Dunkelheit hält alles an sich:
Gestalten und Flammen, Tiere und mich,
wie sie's errafft,
Menschen und Mächte -

Und es kann sein: eine große Kraft
rührt sich in meiner Nachbarschaft.

Ich glaube an Nächte.

***

You darkness from which I come
by Rainer Maria Rilke,
translated by David Whyte

You darkness from which I come,
I love you more than all the fires
that fence out the world,
for the fire makes a circle
for everyone
so that no one sees you anymore.

But darkness holds it all:
the shape and the flame,
the animal and myself,
how it holds them,
all powers, all sight -

and it is possible: its great strength
is breaking into my body.

I have faith in the night.

***

May all my readers have faith in the all-embracing darkness, the source of our strength and our silence - and our light. I wish you courage and wisdom for your journey through the year 2017.

Mittwoch, 21. Dezember 2016

Mein Weihnachtsgruß, mit den Worten von Thich Nhât Hanh


 Diesen Post hatte ich am Wochenende vorbereitet, als Weihnachtsgruß an meine Blogleserinnen und -leser. Dann geschah der Anschlag in Berlin. Wie das so üblich ist, haben jetzt viele Menschen entschiedene Meinungen und wissen genau, was nun getan werden muss. Ich weiß es nicht. Ich möchte schweigen zu dem, wofür mir die Worte fehlen. Aber vielleicht zeigt dieser Weihnachtstext, den ich unverändert stehenlasse, den heilsamen Weg, den wir miteinander gehen sollten.

***

Früher habe ich das Weihnachtsfest gerne in buddhistischen Praxiszentren verbracht, zum Beispiel in Plum Village bei Thich Nhât Hanh. Mit Respekt feierten die vietnamesischen Mönche und Nonnen mit uns die Geburt Jesu; ein Mythos, mit dem sie sich ohne zu zögern verbinden konnten, denn sie lasen den Mythos so, wie er gelesen werden muss: Als Metapher für unsere eigene Göttlichkeit; als ein spirituelles Geschehen in uns selbst, das wir - durch Praxis oder auch durch Gnade - selbst erfahren können und müssen.
 
Probleme mit dieser Geschichte hatten nur einige der Gäste - sie waren aus ihrem westlichen Alltag geflohen, um diesem für sie grässlichen Fest zu entrinnen, das ihnen nichts sagte, und fanden sich wieder in einer Weihnachtsfeier mit Weihnachtsliedern aus aller Welt, Plätzchen und Lichtern überall. Ich erinnere mich an Wutausbrüche und ein paar sehr plötzliche Abreisen. Sie hatten noch nicht begriffen, dass Religion im Tiefsten weder theologisch noch historisch erfasst werden kann. Jede Religion ist ein Mythos, der uns etwas über uns selbst erzählt. Auch die Geschichte über das Kind in der Krippe hat mit uns selbst zu tun. Ich habe ein paar Aussagen von Thich Nhât Hanh zum Weihnachtsfest zusammengestellt, aus dem Buch "Dialog der Liebe. Jesus und Buddha als Brüder" aus dem Verlag Herder.

*** 

"Vor zweitausend Jahren wurde der Welt das Kind Jesus geboren. Jesus Christus wird auch heute noch geboren, sooft du den Samen des Heiligen Geistes in dir berührst. Die Evangelien beschreiben, wie der Himmel sich öffnete, als Johannes Jesus taufte, und wie der Heilige Geist wie eine Taube zu ihm herabfuhr und in ihn einströmte. Fortan konnte Jesus Wunder vollbringen und den Menschen Kraft schenken und sie heilen.

Die Samen des Heiligen Geistes liegen in uns allen, wir müssen ihnen nur Nahrung geben und sie hegen und pflegen, damit sie sich entwickeln können. Wir, die wir Achtsamkeit praktizieren, glauben, dass der Heilige Geist das Äquivalent zur Energie der Achtsamkeit, d. h. zur Energie des Buddha, ist.

Wir sterben so oft am Tag. Wir verlieren uns so oft am Tag. Wenn du dich nicht um Achtsamkeit bemühst, verlierst du Tag für Tag dein Leben und hast keine Chance, wiedergeboren zu werden. Erlösung und Auferstehung sind weder bloße Begriffe noch Objekte des Glaubens. Sie sind unsere tägliche Praxis. Wir üben auf eine Weise, dass in jedem Augenblick unseres täglichen Lebens der Buddha und Jesus Christus wiedergeboren werden - nicht nur am Heiligen Abend. Das ist an jedem Tag möglich, in jeder Minute.

Wenn du, während du Kaffee trinkst oder dein Kind an die Hand nimmst und mit ihm spazieren gehst, wirklich da bist, ganz präsent und gesammelt, dann nimmt deine Freude an Kraft zu. Dann verstehst du besser, was um dich herum geschieht. In dir ist ja Achtsamkeit, in dir ist Konzentration, dein Geist ist gesammelt. Und deine Achtsamkeit, dein gesammelter Geist und deine Einsicht bewirken, dass deine Freude und dein Frieden an Intensität zunehmen. Das hat universale Gültigkeit. Du kannst viel tun, damit diese Kräfte in dir wachsen. Du kannst sie zu einem Fundament deines Handelns machen, zum Fundament deines Praktizierens, zum Fundament deines ganzen Lebens - zu deinem geistigen Erbe. Tust du das, wirst du feststellen, wie unendlich reich du in spiritueller Hinsicht bist."

**
Mit diesen Worten wünsche ich meinen Blogleserinnen und -lesern ein stilles oder auch lebhaftes, schönes Weihnachtsfest. Lassen wir unser Licht leuchten.

Donnerstag, 15. Dezember 2016

John Rutter "Christmas Lullaby"


Zum Einstimmen auf Weihnachten.

Ein kalter dunkler Wintertag geht über in die Nacht.
Der gefrorene Nebel auf den Ästen im Garten.
Das blauweiße Licht des Dezembers an einem Spätnachmittag.
Im Haus ist es still.
Auf dem Tisch Kerzen, Tee, die ersten Weihnachtsplätzchen.

John Rutter.
Jetzt muss ich John Rutter hören.


Sonntag, 11. Dezember 2016

Weihnachten naht - schenkt Bücher!


Bücher sind ein schönes, willkommenes, nicht so teures und immer lebenspendendes Geschenk! Ich empfehle hier mal sechs Bücher (ich hätte auch zwanzig gefunden), die mir Jahr für Jahr Freude machen. Vier Romane, eine Familiengeschichte, ein Journal. Allen ist eins gemeinsam: Die Autoren haben eine eigene, wunderschöne Sprache.

Kazuo Ishiguro "Was vom Tage übrigblieb". Das Selbstgespräch des Butlers Stevens, der dreißig Jahre bis zur Selbstaufgabe auf Darlington Hall gedient hat. Nur wir Leser begreifen, was Stevens leugnen muss, um sein Selbstbild und seinen Lebenssinn zu retten: Er hat seine Untergebene geliebt und es nicht bemerkt. Jetzt reist er zu ihr nach Cornwall ...

John Berger "Auf dem Weg zur Hochzeit". Ninon hat nicht mehr lange zu leben, aber sie will Gino heiraten, und Gino will sie retten. Es findet eine riesige Hochzeit in Gorino statt, zu der der Vater der Braut mit dem Mororrad aus Frankreich anreist, die Mutter aus Bratislava mit dem Bus. Ein Buch voller Lebensfreude und Wärme vor dem Hintergrund der Melancholie.

Edmund de Waal "Der Hase mit den Bernsteinaugen". De Waal erzählt die Familiengeschichte der Ephrussis, indem er eine Nesuke - einen winzigen japanischen Gürtelschmuck - durch die Länder und die Jahrhunderte gehen lässt, durch die Kriege, den Reichtum und die Verarmung - und die Familiengeschichte ist seine eigene.

Dominique Sigaud "Annahmen über die Wüste". Es ist Krieg, in der Wüste liegt ein toter Soldat. In wunderschönen Bildern entfaltet Dominique Sigaud die Geschichte der Liebesbriefe, die der Mann bei sich trägt. Eine große Stille und leise Trauer liegt über dem Buch. Ich liebe es.

Adriaan van Dis "Ein feiner Herr und ein armer Hund". Der Flaneur Mulder streift durch Paris, durch die Viertel der Schönen und Reichen und die der Armen. Begleitet von einem fabelhaften Hund, der mit afrikanischen Einwanderern nach Paris kam. Wir begegnen einem Vietnamesen, der in einem Pappkarton lebt, einem kleinen schwarzen Mädchen und einer schönen Frau aus Sri Lanka. Und es gibt auch ein paar sehr aufregende Begebenheiten.

Peter Handke "Gestern unterwegs". Mein Allezeit-Lieblingsbuch: das Journal der Reisen von Peter Handke 1987 - 1990. Miniaturen, zeilenknapp. Beobachtungen am Wegrand, so lange betrachtet, bis sich der genau passende, der einzig richtige Ausdruck dafür einstellt. Ein Buch, das ich nie "auslesen" werde.

Dies ist eine ganz persönliche Zusammenstellung; die Bücher habe ich mir selbst gekauft, und ich mache hier keine Reklame für Verlage oder Online-Buchhändler. Wer sich dafür interessiert, findet die Bücher im Internet.


Und, hmm, kleine Werbung: Alles über meine lieferbaren Bücher findet man in der rechten Spalte - Klick aufs jeweilige Cover. Die nicht mehr im Handel lieferbaren gibt es bei mir, z. B. mein "Kinderbuch für Kinder von 8 bis 80" "Die erste und einzige Geschichte vom Gedankenland".

Mittwoch, 7. Dezember 2016

Frau Irgang bäckt für Weihnachten: Mandelschnittchen


Der Teig:

220 gr glutenfreies Kuchenmehl (normales Weizenmehl geht auch)
50 gr gemahlene Mandeln
60 gr Rohrohrzucker
1 Prise Salz
2 Eier
100 gr kalte Butter in Flöckchen

Alle Zutaten verkneten und 20 Minuten in die Kälte stellen. Auf Backpapier ca. 0,5 cm dick ausrollen und bei 180° ca. 8 Minuten vorbacken.

Der Belag:

100 gr Butter
200 gr Mandelblättchen
80 gr Rohrohrzucker
1 Päckchen Vanillezucker 
2 EL Honig
4 EL Aprikosenmarmelade

Mandeln, Butter, Zucker und Honig in einer Pfanne zum Simmern bringen. Die Aprikosenmarmelade auf den vorgebackenen Boden streichen, die noch warme Mandelmasse darüber verteilen. Weitere 15 Minuten backen, bis die Oberfläche karamellisiert ist.

Noch warm aufschneiden und einen guten Tee dazu kochen!

Freitag, 2. Dezember 2016

Schwester Theresia Raberger: "Alles ist ein Leben"


Schwester Theresia Raberger ist ungewöhnlich: Franziskaner-Nonne, Zen-Priesterin, Mystikerin, Heilpädagogin und Tierschützerin. Nach Jahrzehnten der Arbeit für schwer erziehbare Jugendliche, Prostituierte und Drogenabhängige leitet sie heute die Tierschutzstelle im Felsentor, dem Meditationshaus, das Zenmeister Vanja Palmers in der Schweiz gegründet hat. In diesem Buch erzählt sie der edition steinrich-Verlegerin Ursula Richard, wie sie dorthin gekommen ist, warum ihr Tiere so am Herzen liegen und wie sie ihr Christentum in Einklang bringt mit dem Zen.

In der Genesis heißt es: "Als die Menschen noch verbunden waren mit Gott, sprachen sie auch geschwisterlich mit den Tieren." Natürlich entschied sich die junge Theresia Raberger für den Orden des Heiligen Franziskus, der so innig mit den Tieren lebte. Mit der Kirche und den vorgeschriebenen Ritualen hatte sie dann aber doch ihre Probleme. Erst bei den christlichen Mystikern fand sie, was sie unbewusst gesucht hatte: die Ganzheit, in der Gott nicht mehr außerhalb des Menschen lebt. Und dann begegnete ihr das Zen: "Sonst war so viel Theologie, Interpretation und Vermittlung zwischen mir und dem Göttlichen, aber im Zen ist der Weg so kurz, von Angesicht zu Angesicht, von Herz zu Herz."

Besonders sind auch die Tiere, die im Felsentor leben. Wir lernen Anton, den Hausschweineber, kennen, der einem Paar zur Hochzeit geschenkt wurde, das sich aber nicht überwinden konnte, ihn als Schnitzel auf dem Teller wiederzufinden. Oder das blinde, taube und gehbehinderte Schwein Babuschka, dem es guttut, gebürstet zu werden, weil das seinen Kreislauf in Schwung bringt. Und geradezu berühmt ist Nandi, der Stier, der auf spektakuläre Weise aus dem Schlachthof ausbrach. Nicht zu vergessen: das Hühner-Altersheim!

Großes Vergnügen hat mir die Geschichte von der Hundetrainerin gemacht, die Schwester Theresia unbedingt beibringen wollte, mit ihrem Hund Nuria mit Worten zu kommunizieren. Aber die beiden kommunizierten seit jeher wortlos miteinander - was Schwester Theresia dachte, führte Nuria sofort aus. (Auf diese Weise war ich immer mit meinen Katzen verbunden. Es gibt eben nur den einen Geist, den wir alle miteinander teilen.)

Und so sind all die Schafe, Kühe, Hühner, Schweine, Ziegen, Hunde und Katzen, die im Felsentor in Freiheit und Frieden leben dürfen, auch Zen-Lehrer für die Kursteilnehmer und Wanderer, die vorbeikommen: "Unter allen Worten und Bildern ist ein Raum der Stille, der auch um die Tiere ist", sagt Schwester Theresia. Sie sitze im Zendo immer "mit allen Wesen, mit der menschlichen Verfasstheit und mit dem Leid der Tiere. Die Tiere sitzen auch. Alle sitzen gemeinsam."

Meine Lese-Empfehlung: Das etwas andere Zen-Buch Theresia Raberger "Alles ist ein Leben", edition steinrich, Berlin, ISBN 978-3-942085-564. Hier mehr darüber.

Und hier der Link  zur Tierschutzstelle im Felsentor.

Montag, 28. November 2016

Die gute Wahl


Es war einmal (vor gar nicht langer Zeit) ein Rabbi, der mit seinen Schülern arbeitete, indem er alle Gefühle, mit denen sie sich schwer taten, in sich selbst erweckte. Der Schüler sagte also, er habe große Angst. Der Rabbi antwortete sanft: „Auch ich habe Angst.“ Und dann erschuf er dank seiner Präsenz einen Raum, in dem der Schüler und er gemeinsam die Angst aushalten konnten – wortlos und miteinander atmend. Der nächste Schüler sagte vielleicht, „Ich bin neidisch“, und der Rabbi antwortete sanft: „Auch ich bin neidisch.“ Die Methode des Rabbi funktionierte wunderbar, und seine Schüler galten als freie, mitfühlende, erwachte Menschen. Eines Tages erschien ein Schüler in dem kleinen Raum vor dem Rabbi und sagte herausfordernd: „Rabbi, du behauptest immer, alle Gefühle in dir zu haben, aber was ist mit dem Hass von Hitler?“ Der Rabbi schwieg lange, dann schickte er den Schüler aus dem Raum und bat ihn, die Tür zu schließen. Am Abend kam er wieder heraus, tränenüberströmt, und trat vor seine versammelten Schüler. „Nun bin ich siebzig Jahre alt“, sagte er. „Wie konnte ich all die Jahre den Hass von Hitler in mir übersehen?“

Hass, Gier, Angst und Sehnsucht nach allem, was uns vermeintlich glücklich machen wird, sind nicht "dort draußen" - in Diktaturen, Terrororganisationen, rechtsgerichteten politischen Kreisen. Sie sind in uns allen angelegt. Nach der US-Wahl strömten in meinen Posteingang die Mails von buddhistischen Lehrern und die der Schüler von Thich Nhat Hanh, und alle fragten auf irgendeine Weise: Was sollen wir jetzt tun? Wenn wir uns in Aktivitäten verwickeln, verschenken wir das Einzige, was wir tatsächlich tun können: Die Gefühle wahrzunehmen und sie in der sanften Präsenz unserer Achtsamkeit auszuhalten. Sie, wie Thich Nhat Hanh es formuliert, zu „umarmen“ – so lange, bis sie sich aufgelöst haben. Und sie werden sich auflösen! Das ist das Geheimnis der Praxis des Zen: Absolut wach sein für alles, was im Inneren geschieht, es genau wahrnehmen in all seinen Facetten, nicht unterdrücken, nicht mit Erklärungen zudecken, nicht davonlaufen, nicht ausagieren, sondern aushalten und ..... Aaah! Ich bin frei von dieser Last!

Wenn wir dies zu unserer Praxis machen, immer wieder aufs Neue, wenn es uns selbstverständlich geworden ist, dann werden wir eine gute Wahl treffen, wenn wir dazu aufgerufen sind – politisch, beruflich, persönlich. Eine Wahl, die nicht vom Ego bestimmt ist und nicht von unserer Unbewusstheit - sondern von etwas ganz, ganz Anderem. 

Was das ist, müsst Ihr selbst entdecken.

Donnerstag, 24. November 2016

Thanksgiving - Dank sagen

Kalligrafie von Thich Nhat Hanh

Wie an jedem vierten Donnerstag im November ist heute in Kanada und den USA Thanksgiving Day. Auch wenn dieser Tag auf die Pilgerväter zurückgeht und wohl anfangs eine Art Erntedankfest war, das zusammen mit den Native Americans gefeiert wurde - die Aussagen darüber gehen auseinander -, ist es heute eher ein Familienfest. Jede Familie hat da so ihre Rituale, auf die sich alle schon lange freuen; der Tag wird intensiv vorbereitet, es gibt fast immer einen riesigen Truthahn, und die ganze Familie kommt von weither zusammen und versammelt sich um den Tisch. Und dann - jedenfalls in meiner Familie ist das so - dankt jeder Einzelne gewissenhaft und gut vorbereitet und mit einer Liste versehen (bloß niemanden vergessen!) jedem Menschen, jedem Tier und jedem Ding, der/die/das etwas für diese Person getan hat.

Und deshalb möchte ich heute und hier mal danken. Meine Liste war lang, ich habe sie gekürzt, und die Reihenfolge ist völlig willkürlich. Also:

➤ Ich danke allen meinen Lehrern - vor allem dem unvergleichlichen Thich Nhat Hanh.
➤ Ich danke dem Nachbarskater dafür, dass er mir immer wieder erlaubt, mit ihm zu spielen (Ja, so herum stimmt es).
➤ Ich danke meinen Verlagen dafür, dass sie gerne meine Bücher verlegen (Sollte man ruhig mal sagen).
➤ Ich danke meiner Nachbarin, die, als ich krank war, stillschweigend meinen Hausputzdienst übernommen hat.
➤ Ich danke meinem alten Auto dafür, dass es jeden Tag anspringt. 
➤ Ich danke meinem auch nicht mehr jungen Computer dafür, dass er meine Einfälle prompt und ohne zu murren auf den Bildschirm bringt.
➤ Ich danke auch meinem wirklich sehr alten Herd dafür, dass er noch nie einen Kuchen verbrannt hat.
➤ Ich danke meinen Leserinnen und Lesern für die vielen schönen Briefe und E-Mails und meinen Seminarteilnehmern für ihre Treue.
➤ Ich danke meinen Blogleserinnen und -lesern fürs Lesen und Kommentieren.
➤ Ich danke meinen Freunden dafür, dass sie mich wieder in ihr Leben einlassen, wenn ich, die Eremitin, meine Eremitage gelegentlich verlasse.
➤ Ich danke meinem Mutter-Land Deutschland dafür, dass es aus seiner Geschichte gelernt hat und heute weiß, was die wichtigen Werte sind.
➤ Ich danke meinem Vater-Land Amerika dafür, dass es mir dieses Gefühl von Freiheit und Weite schenkt, geografisch und geistig. 

A deep bow of gratitude. Ich verbeuge mich in Dankbarkeit.

Samstag, 19. November 2016

Peter Handke "Bin im Wald, kann sein, daß ich mich verspäte"


Welch ein wunderbarer, ruhiger Film. Er nimmt sich Zeit: für das Licht, den Regen, das Rinnen der Tropfen an einer Fensterscheibe. Lauscht: einem Autor (den ich für den wichtigsten der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur halte), seinem Sprechen, das ein Suchen ist nach der Wahrheit des Augenblicks im Augenblick; ein Sprechen, das keine Floskeln kennt, das nichts bereits Gedachtes in Worte "kleidet" wie in ein Kostüm. Ein Film, der Fragen stehenlassen kann, ohne auf Antworten zu beharren, und der Autor stellt viele Fragen, leise, ins Offene hinein. Was ist Schreiben? Darf man überhaupt schreiben? Was ist erzählen? Wie soll man leben?

Peter Handke schneidet Pilze. Steckt seinen "Gedankentrampelpfad" im Garten mit Muscheln ab. Bestickt ein Hemd. Sagt, er habe irgendwann beschlossen, dass nichts je zuvor gesehen und erzählt worden sei und dass er deshalb die Berechtigung habe, es auf seine Weise zum ersten Mal zu sehen und zu erzählen. Nichts in diesem Leben ist selbstverständlich, wird als gegeben hingenommen. Das Zusammensein mit Menschen, er deutet es an, ist ihm mehr Qual als Freude.

Ein Eremit in einem verwunschenen Garten in einem Vorort von Paris.

Zum Schluss liest er eine Passage aus seinem Stück "Über die Dörfer". Als ich das Kino verlasse, ist es dunkel und regnet; im nassen Asphalt spiegelt sich die Neonschrift des kleinen Kinos in der Vorstadt, in dem nur wenige Menschen waren. Ich nehme einen der letzten Sätze mit, für den Heimweg, für die nächsten Tage, ach, für lange lange Zeit:

"Geh in deinen eigenen Farben."

Montag, 14. November 2016

Groundlessness, tenderness, sadness: our teachers. Bodenlosigkeit, Zartheit, Traurigkeit: unsere Lehrerinnen


Das buddhistische Magazin Lion's Roar hat amerikanische buddhistische Lehrer gefragt, wie sie mit der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten umgehen. Hier die Antwort der Nonne Pema Chödrön, die auch für andere schwierige Umstände hilfreich ist:


"During difficult times like this, I'm feeling that the most important thing is our love for each other and remembering to express that and avoid the temptation to get caught in negative und aggressive thinking. Instead of polarizing, this is a chance to stay with the groundlessness. I've been meditating and getting in touch with a deep and profound sadness. It's hard to stay with that much vulnerability but that's what I'm doing. Groundlessness and tenderness and sadness have so much to teach us. I'm feeling that it's a time to contact our hearts and to reach out and help in any way we can."

"In solch schwierigen Zeiten spüre ich, dass das Wichtigste unsere Liebe füreinander ist; wir sollten nicht vergessen, sie auszudrücken, und der Versuchung widerstehen, uns in negativem und aggressivem Denken zu verfangen. Anstatt zu polarisieren, können wir dies als Gelegenheit sehen, in der Bodenlosigkeit zu bleiben. Ich habe meditiert und bin mit einer tiefen und dunklen Traurigkeit in Berührung gekommen. Es ist schwer, in so viel Verletzlichkeit zu verweilen, aber ich tue es. Bodenlosigkeit, Zartheit und Traurigkeit können uns so viel lehren. Ich spüre, dass dies eine Zeit ist, in der wir uns mit unserem Herzen verbinden und die Hand ausstrecken sollten, um zu helfen auf jede uns mögliche Weise."

 Pema Chödron

Freitag, 11. November 2016

Leonard Cohen ist gestorben


Er war ein großer Dichter. Als ich jung war, habe ich seine Lieder gesungen.
Dann wurde er Zen-Mönch und mir noch sympathischer.

Nun ist er, 82 Jahre alt, in die große Weite und Stille eingegangen.

So long, Leonard.

You worry that I will leave you.
I will not leave you.
Only strangers travel.
Owning everything,
I have nowhere to go.

L. C. 

Montag, 7. November 2016

Herbst-Notizen:wabi sabi


Und wieder ist die Zeit der Farblosigkeit gekommen. Deshalb poste ich hier gern noch einmal meine Betrachtungen aus dem November vor einem Jahr.

Einige Jahre studierte ich chanoyu, den "Weg des Tees", bei uns eher bekannt als japanische Teezeremonie. Dort lernte ich das Prinzip des wabi sabi kennen, das Herz der Zen-Ästhetik. Sabi bezeichnet alles, was mit der Zeit gereift ist und sich vollendet hat. Es hat die Ausstrahlung von Ruhe und Würde, ist gezeichnet vom gelebten Leben, ist vielleicht verwittert und voller Risse. Für das Zen ist sabi der Inbegriff einer Schönheit, die nicht aufdringlich ist, sondern in sich ruht. Wabi wiederum wurde von Teemeister Rikkyu eingeführt als Reaktion auf die Prunksucht der Samurai. Der Teeraum, die Zeremonie und alle Geräte sollten nicht nur sabi, sondern auch wabi sein: schlicht und einfach, geradezu ärmlich.

Der Herbst ist wabi sabi.

Der Sommer prunkte mit einer Überfülle an Blumen, Früchten und Farben. Wir wussten gar nicht, wo wir zuerst hinschauen sollten: Alles war bunt, leuchtend und duftend. Der Sommer ist vorbei und hat sich vollendet im Herbst. Keine prallvollen Apfelbäume mehr - stattdessen eine Handvoll verschrumpelter Äpfel im Gras. Keine wogenden Maisfelder mehr - nur noch ein paar übriggebliebene Körner auf dem Feldweg. Die strahlenden Sonnenblumen sind zu Mönchen geworden; sie senken ihre Köpfe mit den schwarzen Kapuzen fast demütig. Aber dann, unvermutet in einem Hinterhof, ein Ausbruch von Gold, wie der eine goldene Faden in einem abgetragenen Tuch, die eine beim Brennen zufällig entstandene Farbspur in einer alten Teeschale.

Wer jetzt an einem Spätnachmittag, wenn die Nebel am Flussufer aufsteigen, über die Feldwege geht, kann dem Herbst begegnen. Das ist jener ältere Herr, der ein wenig abgerissen und ärmlich aussieht, aber so würdevoll ist und so viel Ruhe ausstrahlt. Es tut gut, sich in der Nähe dieses Herrn aufzuhalten. Man wird ruhig dabei. Und vielleicht ein wenig würdevoll.

Donnerstag, 3. November 2016

Bilder aus der Schwarzwald-Stille: Albi Maier



Vor nahezu 30 Jahren zog ich aus München auf einen 1000 m hohen Berg im Schwarzwald. Es dauerte ein Jahr, bis ich - immer noch das Lenbachhaus, die Alte und die Neue Pinakothek im Herzen - mich an einen Besuch im winzigen örtlichen Museum wagte. Ich streifte die Bilder mit meinem Blick. Hmm, nun ja ... Als ich mich schon abwenden wollte, sah ein Bild mich an. Es sah direkt in mich hinein, ohne Umweg über den Geist, der keine Gelegenheit hatte, es zu bewerten. Es zeigte einen verschneiten Schwarzwaldhof und war von einem mir nicht bekannten Maler namens Albi Maier.

Das Bild spiegelte mir die Eremitin in mir mit ihrer Sehnsucht nach Stille und Einsamkeit. Es machte mir klar, dass es richtig gewesen war, München zu verlassen und in einen Schwarzwaldhof zu ziehen - in genau solch einen Hof wie auf dem Bild, mit dem tief gezogenen Walmdach, das mir damals so viel Geborgenheit gab. Wenn im Dezember der Schnee fiel in dicken Flocken und innerhalb von einer Stunde das ganze Dorf weich einwickelte, kam die Stille. In der nichts, absolut nichts mehr zu hören war als das zarte Huschen von Flocken, die sich auf Flocken türmten. Es war die tiefste Stille, die ich je erfahren habe. Dieses Bild des unbekannten Malers enthielt genau jene Stille, und ich sah, ganz konkret mit meinen Augen: Diese tiefe Stille ist in mir, immer und überall. Ich brauche sie nur zu berühren.

In den folgenden Jahren pilgerte ich immer wieder einmal zu "meinem" Bild und erlaubte ihm, meine Stille zu wecken.




Im Skimuseum Hinterzarten ist jetzt eine große Ausstellung der Bilder von Albi Maier zu sehen. Wie riesige sanfte Tiere ducken sich die Schwarzwalddächer in den Schnee oder die Frühlingswiese, werden eins mit der Natur, erweisen sich selbst als Natur. Meine Fotos, in der Ausstellung gemacht, geben die Schönheit der Bilder nicht ansatzweise wieder. Deshalb am besten die website von Albi Maier anschauen: Hier (klick)

Montag, 31. Oktober 2016

Mittwoch, 26. Oktober 2016

A Day in Autumn. Ein Tag im Herbst.


It will not always be like this,
The air windless, a few last
Leaves adding their decoration
To the trees' shoulders, braiding the cuffs
Of the boughs with gold; a bird preening

In the lawn's mirror. Having looked up
From the day's chores, pause a minute,
Let the mind take its photograph
Of the bright scene, something to wear
Against the heart in the long cold.

Ronald Stuart Thomas

***
So wird es nicht immer sein:
Die reglose Luft; auf den Schultern der Bäume
letzte Blätter als Dekoration, als Goldschmuck
auf den Manschetten der Zweige; ein Vogel macht sich fein

im Wiesenspiegel. Hebe den Blick vom Alltag,
halte inne für eine Minute,
lass den Geist von dem Leuchten sein Foto machen
und trage es nahe am Herzen
während der langen Kälte.

Ronald Stuart Thomas

(Ins Deutsche hinübergetragen von Margrit Irgang)


Samstag, 22. Oktober 2016

Soeben erschienen: Het kostbare ogenblik


Ich freue mich, dass meine niederländischen Freundinnen und Freunde jetzt mein Buch "Die Kostbarkeit des Augenblicks" auf Niederländisch lesen können.

"Waarom hebben we zoveel angst voor de dood? Waarschijnlijk omdat we de waarheid van de vergankelijkheid halstrarrig blijven negeren. Maar bij wie daar niet voor wegloopt, krijgt het hier en nu een heel nieuwe glans. Alles wordt dan kostbaar, niets verdient het om achteloos behandeld te worden, alles is belangrijk: het begin van een nieuwe dag, de roep van een vogel, het tikken van de regen tegen het raam, de stralen van de zon. Het leven is waardevol, uur na uur. Dat is wat de dood ons leert.
Aan de hand van inspirerende verhalen uit de verschillende religieuze tradities, persoonlijke observaties en ervaringen ontvouwt Margrit Irgang in haar nieuwste boek een troostrijk perspectief op de vaak rauwe werkelijkheid en weet zij haar lezers telkens weer te overtuigen van de wonderbare schoonheid en kracht van het hier en nu!

Margrit Irgang beoefent sinds 1984 zen, o.a. bij Thich Nhat Hanh. Ze geeft cursussen over aandacht en spiritualiteit en maakt veelbeluisterende redio-uitzendingen. Zij is auteur van talrijke boeken en kreeg verschillende onderscheidingen, onder andere de Rome-prijs Villa Massimo."

Margrit Irgang "Het kostbare ogenblik", aus dem Deutschen ins Niederländische übersetzt von Piet Hermans, Asoka bei Uitgevery Milinda, Rotterdam
 

Dienstag, 18. Oktober 2016

Lesung in Ravensburg, Seminar in Schlier

Foto: Buchhandlung am Lederhaus

Ich lese aus meinem Buch "Die Kostbarkeit des Augenblicks" hier:

Freitag, 28. Oktober 2016, 19.30 Uhr

Buchhandlung am Lederhaus in Ravensburg
 

Foto: Schlier

Und am darauf folgenden Tag findet ein Tag der Achtsamkeit statt:

Samstag, 29. Oktober 2016, 10 bis 17 Uhr
Schlier/Unterankenreute, Dorfgemeinschaftshaus

 Tag der Achtsamkeit 

Für den Tag der Achtsamkeit ist eine Anmeldung erforderlich unter Tel. 0751-41228 oder lebensschule@arcor.de 

Ich wurde von der Lebens-Schule eingeladen; Informationen hier (klick) Jeder darf teilnehmen, der Unkostenbeitrag ist 50,- EUR inklusive Mittagessen - also wirklich günstig.

Wen von Ihnen und Euch darf ich dort begrüßen?

Mittwoch, 12. Oktober 2016


"Es sind nicht wir, die durch das Leben gehen.

Es ist das Leben, das durch uns geht."

Hazrat Inayat Khan

**

"It is not us who walk through life.

It is life which walks through us."

Hazrat Inayat Khan

Mittwoch, 5. Oktober 2016

Dank an ein Kleid


Nun ist unsere gemeinsame Zeit also zu Ende. Sie hat immerhin zwanzig Jahre gedauert; das hätte ich nicht gedacht, als ich dich kaufte, damals, als ich mir dich eigentlich gar nicht leisten konnte. Du warst eben nicht von Hasi & Mausi und nicht aus irgendwelchen Kunstfasern, sondern aus reinem Leinen. Zweilagig. Unten weiches grobes Leinen, darüber ein Hauch von Leinengaze. Wenn ich dich trug, guckten die Leute, aus jeweils eigenen Gründen. Du warst lang, als alle anderen Kleider kurz waren. Ein Mann bezeichnete dich als "Kartoffelsack", und eine Stylistin, die mir im Fernsehstudio begegnete, attestierte dir "edle fließende Schlichtheit". Du hast polarisiert, obwohl du die Sanftheit selbst warst. Das wundert mich bis heute.

Wir haben viel miteinander erlebt. Das große Geburtstagsfest von W., als wir bis nach Mitternacht tanzten. Abendessen, Konzertbesuche. Und beim Gedenkgottesdienst für meinen Bruder in Georgia bei 35 Grad im Schatten ("Please don't wear black") kam deine lavendelblaue Kühle gerade recht.

Jetzt ist deine zarte Leinengaze voller Löcher, und dein Lavendelblau ist vom Schweiß rosa verfärbt. Ich brauchte zwei Jahre, um zuzugeben, dass wir uns trennen müssen. Im August trug ich dich ein letztes Mal, zum Einkaufen im Supermarkt um die Ecke. Kurz dachte ich daran, aus deinem Leinen noch etwas zu machen (man nennt das heute "upcycling"), aber ich brachte es nicht über mich. Du bist nicht als Geschirrtuch gedacht.

Du hast mich umhüllt, geschützt, erfreut und vielleicht, manchmal, ein wenig schöner gemacht. Heute werde ich dich in Plastik wickeln und in eine dieser Kleidertonnen tun. Wird dich irgendwo auf der Welt noch irgendjemand tragen wollen? Ich glaube es nicht. 

Vielleicht ist es mir auch lieber so.
 

Donnerstag, 29. September 2016

Amy Sackville "Reise nach Orkney"


Früher las ich ein Buch pro Tag; man traf mich immer mit einem Buch unterm Arm an; sogar beim Warten an der roten Ampel klappte ich mein Buch auf und las rasch ein paar Zeilen. Heute lese ich privat nur noch selten Belletristik. Mich ermüden dieses Kreisen um das eigene Ich (das es gar nicht gibt ...) und die unendlichen Beziehungsdramen, die der "Stoff" sind, aus dem Romane im Allgemeinen bestehen. Aber ab und an bekomme ich von der Redaktion einen Roman auf den Schreibtisch, den ich nach einer Seite schon so liebe, wie ich früher Bücher liebte. Vor ein paar Monaten bekam ich also das Buch "Reise nach Orkney" von Amy Sackville.

Der Literaturprofessor Richard heiratet seine vierzig Jahre jüngere beste Studentin; sie wünscht sich die Hochzeitsreise auf eine einsame Insel der Orkneys, einem Archipel in Schottland. Es ist Herbst, die See ist rau, der Wind tobt; die Frau, deren Namen wir nie erfahren, ist in ihrem Element, sitzt stundenlang am Strand, spricht mit den Robben und wird immer mehr zu einem wilden Wesen der Natur. Während Richard am Fenster steht, seine Frau nicht aus den Augen lässt und nichts von ihr begreift, absolut nichts.Weil er zu ihrem Inneren keinen Zugang findet, versucht er, sie über ihr Äußeres zu begreifen und verfängt sich doch nur in seinen eigenen Projektionen. (Das kennt wohl jede Frau, die ein wenig anders ist als andere, vielschichtiger, nicht einzuordnen, nicht festzuhalten ...) Kann Richard dieses Naturwesen wirklich in seine kleine Londoner Wohnung mitnehmen, um mit ihm stille Abende am Kamin zu verbringen?

Also doch ein "Beziehungsdrama"? Nein. Hier werden Atmosphären evoziert, unterschwellige Stimmungen hörbar gemacht, ohne sie zu benennen. Wie bei jedem Buch interessiert mich auch bei diesem die Geschichte im Grunde nicht. Mich interessiert Sprache - genaue, schöne, leuchtende, ungewöhnliche Sprache. Amy Sackville findet immer neue Bilder für den Wechsel des Lichts, für Kälte und Wärme, für das Aufbäumen des Meeres im Sturm. Die Sprache ist das eigentliche Ereignis des Buches.


Amy Sackville "Reise nach Orkney", wunderbar übersetzt von Eva Bonné, Luchterhand Verlag, ISBN 978-3-630-874357

Hier (klick) meine Besprechung im SWR zum Hören

Dienstag, 27. September 2016

Weitblick


... mal wieder den weiten Blick einschalten ... 

... in der klaren Luft, in der man atmen kann und besser sieht ... 

... und manches, was vorher so riesig aussah, ist auf einmal ganz klein ... 

... so klein, dass man damit spielen könnte ...

... so hübsch auch und harmlos, wie man das noch nie bemerkt hatte ...

... und diesen Weitblick dann mit ins Tal nehmen und nicht zulassen, dass er an Mauern zerschellt ... 

(Sonntag auf dem Kandel)
 

Freitag, 23. September 2016

Minimalismus


Der erleuchtete Kater. (Alle Katzen sind ja erleuchtet.)

"Er bleibt auf der Schwelle der Balkontür stehen, das rechte Vorderbein erhoben, die Pfote hängt weich und entspannt, bereit, gleich auf das Parkett im Wohnzimmer gesetzt zu werden. Aber er zögert. Etwas ist neu hier, er weiß es genau, seine Katzenantennen haben Alarm gemeldet. Er blickt umher.

Sie steht in der Ecke, sage ich entschuldigend.

Das hat er inzwischen auch begriffen. Langsam, sehr langsam bewegt er sich, setzt die Pfoten zögernd auf den Teppich, als sende das neue Ding Wellen des Widerstands aus, gegen die er mit aller Kraft angehen muss. Die Schnurrhaare zittern, die rosa Nase senkt sich vorsichtig auf das Messing.

Es ist eine Lampe, sage ich erklärend.

Das interessiert ihn nicht. Für ihn könnte es auch etwas anderes sein, ein Kissen, ein Topf oder Hauspantoffeln. Was ihn alarmiert, ist der fremde Geruch, und ihn verwirrt, dass in einer Ecke, in der vorher nichts war, jetzt etwas ist.

Du wirst dich daran gewöhnen, sage ich.

Er wird sich schneller an die Lampe gewöhnen als ich, die mit den Dingen lange fremdelt. Ich weiß nicht, wieso andere Menschen fröhlich und unentwegt Dinge nach Hause tragen und anscheinend auf der Stelle mit ihnen per Du sind. Ich werde mit Fremden nicht so schnell warm, das bemerken die Betroffenen, und wenn der Fremde ein Toaster, ein Bügelbrett oder eine Schale ist, steht er bei mir erst einmal allein in der Ecke herum. Das tut mir leid, aber so ist es. Ich brauche Zeit, um ihn kennenzulernen und in das Ensemble der anderen Dinge zu integrieren. Manchmal ist er eigenwillig und fügt sich dort, wo ich ihn hinstelle, nicht ein. Manchmal habe ich den Eindruck, die anderen Dinge nehmen ihn nicht an. Dann wickle ich den Fremden sorgfältig in das Papier oder die Luftfolie und trage ihn zurück. Er passt nicht zu uns, sage ich dann entschuldigend zu dem Verkäufer, der mich, das sehe ich ihm an, für eine besonders schwierige Kundin hält.

Weil das alles so mühsam ist, habe ich eine weitgehend leere Wohnung. Und weil ich nur das Nötigste besitze, wird selten etwas weggeworfen.

In der Schule von Thich Nhat Hanh wird großer Wert auf das achtsame Handeln im Alltag gelegt. Ich habe an zahlreichen Gesprächsrunden teilgenommen, in denen Begriffe wie Nachhaltigkeit, Sparsamkeit, Genügsamkeit diskutiert wurden. Die Teilnehmer gelobten dann etwa, in Zukunft weniger zu kaufen oder Geräte gemeinschaftlich zu teilen. Ich schwieg dann immer. Was hätte ich dazu beitragen sollen. Dass die Dinge ihr eigenes Sein besitzen und wir sie lange beschnuppern müssen, um herauszufinden, ob sie zu uns passen?

Vielleicht muss man hin und wieder Besuch von einer Katze bekommen, um das zu verstehen."



(Aus: Margrit Irgang "Leuchtende Stille", Herder Verlag, ISBN 978-3-451-30732-4)

Dienstag, 13. September 2016

Herbst-Weisheit


Wenn das Leben wieder einmal seine Stacheln zeigt (kommt periodisch vor), ist es ratsam, rasch den Kopf einzuziehen und zu wissen: Das Leben hat in solchen Zeiten wirksame Wurfgeschosse parat, ...


.. die ziemlich schmerzhaft sein können, aber genau betrachtet eigentlich von großer Schönheit sind. Irgendwann stellt sich heraus (kommt fast regelmäßig vor), dass die Stacheln nur die Verpackung waren. Der Inhalt hat Glanz, man kann mit ihm spielen, Hunde lieben ihn, Kinder noch mehr, und wenn man ihn in einer kleinen Land-Apotheke abliefert, machen die aus ihm ein Heilmittel gegen vielerlei Beschwerden.

Dies ist die Herbst-Weisheit 2016, von mir großzügig verschenkt.

Samstag, 3. September 2016

Lesung in Berlin


Ich lese aus meinen Büchern in Berlin:

17. September 2016, 19 Uhr

Atelier Corinna Wittke, Nehringstraße 29, Berlin-Charlottenburg

Der Platz ist begrenzt. Bitte anmelden unter 0160-96662810 oder post@dr-ditta-gehrmann-bestattungen.de 

Ich freue mich darauf, Freundinnen und Freunde wiederzusehen und Leserinnen und Leser kennenzulernen! Wen von Euch und Ihnen darf ich begrüßen?

Hier (klick) ein schöner kleiner Artikel aus der Zeitschrift "Sein" 


Dienstag, 30. August 2016

Frau Irgang macht was Veganes zum Naschen: indisches Burfi


Zutaten:

200 gr gemahlene Mandeln
3 klein geschnittene getrocknete Feigen oder ca. 6 Datteln
80 gr Rohrohrzucker
1/2 TL Kardamompulver
1 cm geriebene Ingwerwurzel
100 ml Wasser

Wie wird's gemacht?

Wasser und Zucker kochen, bis der Zucker aufgelöst ist. Etwas abkühlen lassen. Kardamom, Ingwer, Trockenfrüchte und Mandeln hinzufügen und vermischen. Ein Stück Backpapier leicht einölen, die Masse ca. 1/2 cm dick daraufstreichen und 2 Stunden in den Kühlschrank stellen. Dann in Rechtecke schneiden. Hält sich in verschlossener Dose im Kühlschrank 2 Wochen.

Donnerstag, 25. August 2016

Mondbetrachtung


Vor zwanzig Jahren, als Plum Village noch keine feine Meditationshalle hatte, keine warmen Duschen und, sagen wir mal, auf mönchische Art reduziertes Essen, lebte Thay (Thich Nhat Hanh) in seiner Hütte im Upper Hamlet und lud - wenn wir das Glück hatten, gerade an Vollmond dort zu sein - uns alle auf die Wiese vor seiner Hütte ein, um den Mond zu betrachten. Mondbetrachtung, lernte ich, ist in Vietnam eine weit verbreitete Ehrung des Mondes, und die Vietnamesen, die nach meiner Erfahrung sonst sehr plauderfreudig sind, verfolgen den Mondaufgang in andächtigem Schweigen. In unserem Fall wurde jemand, der gerade seine Flöte dabei hatte, gebeten, den Mondaufgang mit der Flöte zu begleiten.

Als der Mond im August voll wurde, war ich krank, und weil in solchen Momenten nichts "zu tun" ist (außer, dem Immunsystem Ruhe zu gönnen, damit es seiner Arbeit nachgehen kann) und auch wunderbarerweise nie Langeweile aufkommt (Augen und Ohren sind auf Spar-Modus geschaltet, und die Winzigkeiten, die sie verkraften können, sind hochinteressant und ganz und gar außergewöhnlich), widmete ich mich auf meinem Balkon der Mondbetrachtung.

Sonntag, 21. August 2016

Ich bin angekommen. Ich bin zu Hause. I have arrived. I am home.


Ich möchte mit Euch und Ihnen meine allereinfachste Art der Meditation teilen, die ich überall und jederzeit durchführen kann. Weder brauche ich ein Kissen dafür noch einen besonderen Ort, nicht einmal die von mir so geliebte (äußere) Stille ist Bedingung. Ich brauche mich nur an einen Satz zu erinnern, den Thich Nhât Hanh uns gegeben hat (mein Lieblingssatz von ihm): Ich bin angekommen, ich bin zu Hause.

Dieser Satz führt uns sofort und geraden Wegs in die Wahrheit: die Wahrheit dessen, was wir tatsächlich sind. Wer schon eine Zeitlang meditiert, weiß natürlich: Mein wahres Wesen ist weder dieser Körper noch dieser ständig denkende Geist; beide sind nur Erscheinungen, die sich aus der Essenz des wahren Seins heraus manifestieren und wieder auflösen, in die Essenz hinein. Was aber sind wir dann? Wir sind eben dieser Urgrund aus Stille und Ruhe, in dem sich alle Phänomene des Lebens ereignen. Wir sind der Raum, in dem sie sich zeigen; wir sind der Himmel, den die Wolken durchziehen. Und dieser Urgrund ist immer da, wir haben nur nicht gelernt, ihn wahrzunehmen, weil wir zu sehr mit den Phänomenen befasst waren, die sich unablässig manifestieren - den Gedanken, Gefühlen, körperlichen Empfindungen, und im Äußeren den Menschen, Tieren und allem, was an Schönem und Schrecklichem uns umgibt.

Auf diese grundlegende Wahrheit weist der Satz von Thich Nhât Hanh hin. Am Anfang wird er meist verstanden als eine hilfreiche Übung zum Ruhigwerden, zum Zu-Sich-Kommen, um, wie es das Zen sagt, "Geist und Körper wieder zusammenzubringen". Das ist völlig in Ordnung, das ist im Alltag wichtig und ohnehin die Vorbedingung für alles Tiefere, das folgen wird. Aber wirklich verstehen werden wir diese Anweisung erst, wenn wir schon ein wenig weiter sind auf der Reise des Erwachens. Ich bin angekommen. Ich bin schon da, ich bin immer schon da gewesen, in meinem wahren Wesen. Wie könnte ich mein wahres Wesen verfehlen? Ich brauche es nicht zu suchen, ich brauche mich nur zu erinnern: Ich bin zu Hause. Ich war seit jeher zu Hause, immer und überall.

Dieser Satz erschafft eine große innere Stille und Ruhe in mir. Manchmal gehe ich durch die Fußgängerzone (wer mich kennt, weiß, dass ich nur im äußersten Notfall in die Stadt fahre), neben mir rennen Menschen mit prallen Einkaufstüten, die Straßenbahn schrillt, weil wieder ein Hund auf dem Gleis ist, unter dem Gewölbe der Sparkasse, wo die Akustik so sagenhaft ist, steht wieder eine dieser anscheinend in Massen durch die Welt reisenden Panflötentruppen in buntgewebten Umhängen und spielt das unvermeidliche "El Condor Pasa", und ich, die gerade eben den doch sehr heftigen Impuls hatte, auf der Stelle nach Hause zu fliehen, weiß wieder: Ich bin zu Hause. Ein Moment des Innehaltens, ein Atemzug, und mein Geist ist heimgekehrt an den Ort, an dem er zur Ruhe kommt, weil er dort schon immer in Ruhe weilte.

An manchen Orten fällt mir das Erinnern leicht (Blumenwiese, Seeufer), an manchen gar nicht leicht (neulich im vollgestopften Großraumabteil des ICE ...). Aber ich bin mir nach all den Jahrzehnten im Zen bewusst: Mein wahres Zuhause ist nur einen Atemzug "entfernt". Es ist bei mir, wohin ich auch gehe. Du brauchst dich nur daran zu erinnern, sagt der Satz von Thich Nhât Hanh. Dann suchst du nicht mehr im Äußeren nach Erfüllung, wenn auch vielleicht nur für diesen einen Moment. Und dann kommt vielleicht ein weiterer dieser Momente, und so wird das Erinnern ganz leicht und sanft in den Geist eingepflanzt wie ein Same:

Ich bin angekommen. Ich bin zu Hause.

Dienstag, 16. August 2016


Draußen sind 33 Grad, und ich habe die heftigste Erkältung seit eineinhalb Jahren.

Da hilft nur noch Voltaire.
 

Sonntag, 14. August 2016

Was ist Achtsamkeit?


Vor etlichen Jahren hatte ich das Privileg, meine Mutter in den letzten sieben Stunden ihres Lebens begleiten zu dürfen. Sie lag auf der Intensivstation, konnte nicht mehr sprechen und tauchte nur ab und an aus dem Dämmerzustand auf, in den die Schmerzmittel sie versetzt hatten. Ich saß an ihrem Bett und nahm jede ihrer Regungen wahr, um ihr geben zu können, was sie brauchte. Sie hatte Durst, sie wollte ein Taschentuch, sie wollte, dass ich meine Hand auf ihre lege. Ich wusste all dies mit unfehlbarer Sicherheit, weil ich mich in ihr Sein eingefädelt hatte; sie und ich waren nicht mehr getrennt, sondern ein Wesen, das miteinander atmete, fühlte und empfand. Es war ein Ausnahmezustand, ein Zustand des Nicht-Getrenntseins, den ich in der Meditation auf dem Kissen zuvor manchmal empfunden hatte, aber nie sieben Stunden lang! Etwas in mir wusste, dass diese Erfahrung ein Geschenk war. Eine Stunde, nachdem meine Mutter gestorben war, stiegen auf einmal schmerzhafte Erlebnisse aus meiner Kindheit in mir auf, und ich bemerkte, dass ich aus der Verbundenheit zurückgefallen war in die Begrenztheit meines Ichs. Es fühlte sich schrecklich an, als hätte ich die Freiheit verloren und wäre zurück in meinen Körper gepresst worden, in eine viel zu enge Haut.

Wo war mein "Ich" in diesen sieben Stunden, während meine Hände Durst stillten, Schweiß abwischten, streichelten? Es gab nur völliges Präsentsein in jedem Augenblick, es gab höchste Achtsamkeit auf alles, was geschah und benötigt wurde. Aber es gab kein Ich, das sich bewusst war, achtsam zu sein.

Wir alle kennen das Gefühl der Trennung zwischen "mir" und "dem anderen" und "der Welt". Diese Trennung ist so schmerzhaft, dass wir Verbundenheit herstellen möchten, indem wir Mitgefühl und Liebe entwickeln, Aufmerksamkeit und Freundlichkeit, Gelassenheit und Geduld. Irgendwann habe ich, ganz nebenbei und in einer alltäglichen Situation, begriffen, dass mein vermeintlich so wertvolles Bemühen im Grunde ein Ausdruck meines Widerstands gegen das Leben ist. Bemühen muss ich mich nur, wenn ich mich nicht völlig und ohne Wenn und Aber einlasse auf das, was das Leben mir in diesem Moment präsentiert.

In den Grenzsituationen unseres Lebens können wir etwas Erstaunliches entdecken: All diese Qualitäten, um die wir uns so bemüht haben, stehen uns mühelos zur Verfügung, denn sie ruhen seit jeher in uns, in unserer wahren Natur. Wenn wir anwesend sein dürfen, während ein Kind geboren wird oder auch nur eine kleine Katze, oder wenn wir jemanden in den Tod begleiten dürfen, fällt auf einmal jeder Widerstand gegen das Leben von uns ab. Hier und jetzt, in diesem Moment, geschieht etwas ganz Großes, etwas, das unsere Meinung und unser Urteil nicht braucht, das unsere Gedanken nicht erfassen und unsere Worte nicht wiedergeben können. Wir wissen einfach, was jetzt von uns benötigt wird: eine Handlung, ein Wort, eine Geste oder schlicht unsere stille Anwesenheit. Wir wissen es, immer. Weil da reines Achtsamsein ist und kein Ego, das die Situation zu seinen Gunsten manipulieren will.

Achtsamkeit ist viel mehr als eine Methode - sie ist eine Qualität und ein Ausdruck unserer wahren Natur. Wenn wir ganz und gar präsent sind im Augenblick und uns nicht in Gedanken und Gefühlen verlieren, wird sie sich äußern. Spontan, mühelos und anmutig, zum "Wohle aller Wesen".

(Aus meinem Artikel "Wer ist es, der achtsam ist", in Buddhismus aktuell 1/2016
 

Freitag, 5. August 2016

Wunder. Miracles.


"Miracles are all around us; we just have to open our eyes and see. The more we open to the reality of our own divinity, the more we start to perceive life as a miraculous event. And though the miracles of our everyday lives may pass unnoticed by the self-obsessed mind, they are there nonetheless. It seems to me that a very intimate aspect of awakening is becoming aware of the daily miracle we move through, the miracle called life."

Adyashanti

"Wunder sind überall um uns herum; wir brauchen nur unsere Augen zu öffnen und sie zu sehen. Je mehr wir uns der Wirklichkeit unserer eigenen Göttlichkeit öffnen, umso mehr beginnen wir das Leben als ein wundersames Ereignis wahrzunehmen. Und auch wenn die Wunder unseres täglichen Lebens vielleicht am von sich selbst besessenen Geist unbemerkt vorübergehen, sind sie dennoch da. Mir scheint, ein sehr intimer Aspekt des Erwachens ist es, sich des täglichen Wunders bewusst zu werden, in dem wir uns bewegen - das Wunder namens Leben."

Adyashanti

Sonntag, 31. Juli 2016

"Die Poesie des Augenblicks": Hier von Cy Twombly


Draußen ist es heiß. Die Bilder hängen im Keller, da ist es schön kühl; ohnehin interessiert sich kein Mensch für diese stillen Fotografien, auf denen auch im Grunde "nichts" zu sehen ist (das Nichts zu sehen ist). In den oberen Stockwerken, bei den monumentalen Gemälden von Katharina Grosse, ist mehr los. Das freut mich, so bin ich mit den Fotos von Cy Twombly allein. Kurz und knapp bekommt man erklärt, man sehe hier Päonien, den Blick aus dem Fenster des Ateliers und Neapel am Abend, aber das stimmt natürlich nicht. Ich sehe: das Licht, die Luft, die Atmosphäre einer ganz bestimmten Minute an einem ganz bestimmten winzigen Punkt der Welt. Ich sehe einem Maler beim Sehen zu. Ich sehe sein Sehen.

Der Philosoph Roland Barthes verglich Cy Twombly mit einem taoistischen Meister. "Er produziert, ohne sich etwas anzueignen. Er tut, ohne etwas zu erwarten. Ist sein Werk vollendet, hängt er nicht daran. Und weil er nicht daran hängt, wird es bleiben."

Die sehr kleine Ausstellung mit Fotografien von Cy Twombly hängt im Keller des Museums Frieder Burda in Baden-Baden.

Samstag, 23. Juli 2016

Frau Irgang kocht heute vegan: Dal mit Süßkartoffel und Kokos-Chutney


Nizza. Türkei. Würzburg. München. Wir hören die Nachrichten. Wir sehen fern. Wir lesen die Zeitungen. Wir fühlen uns hilflos. Und deshalb tun wir vermutlich das Einzige, was wir tun können: Wir wenden uns der winzigen Ecke der Welt zu, die wir bewohnen, und kümmern uns um sie, weil ihre Unversehrtheit auf einmal nicht mehr selbstverständlich ist. Backen mit dem Kind Sandkuchen. Werfen dem Hund Stöckchen zu. Singen ein Lied. Laden jemanden ein und kochen etwas besonders Feines. Vielleicht dies:

Dal mit knuspriger Süßkartoffel und Kokos-Chutney

Für die Süßkartoffeln:

2 kleine Süßkartoffeln, geschält, in 1,5 cm große Würfel geschnitten / Salz / Pfeffer / 1 TL Kreuzkümmel (Samen oder Pulver) / 1 TL Fenchelsamen / Olivenöl

Die Kartoffelwürfel auf einem Backblech verteilen, alle Gewürze darüberstreuen und mit Olivenöl beträufeln. Im Ofen bei 220° ca. 20 Minuten rösten, bis sie außen knusprig, innen weich sind.

Für das Dal:

2 Knoblauchzehen, gehackt / 1 daumengroßes Stück Ingwer, gehackt / 1 grüner Chili, fein gehackt / 1 rote Zwiebel, gehackt / 1 TL Kreuzkümmel / 1 TL Koriander / 1 TL Kurkuma / 1 TL Zimt / 200 g rote Linsen / 1 Dose Kokosmilch (400 ml) / 400 ml Gemüsebrühe / wenn vorhanden: etwas Blattspinat und Koriandergrün / Saft 1/2 Zitrone

In einem großen Topf Knoblauch, Ingwer, Chili und Zwiebel in etwas Öl anbraten, bis sie weich sind. Die anderen Gewürze dazugeben und einige Minuten anbraten. Linsen, Kokosmilch und Brühe hinzufügen und zum Simmern bringen. Ca. 20 Minuten sanft köcheln lassen. Vor dem Servieren Zitronensaft, Spinat und Koriandergrün einrühren.

Für das Chutney

50 g Kokosraspeln / 1 TL schwarze Senfsamen / 10 Curryblätter (frisch oder getrocknet) / 1 Stückchen Ingwer, fein gerieben / 1 roter Chili, fein gehackt, oder Pulver

Kokosraspeln mit etwas kochend heißem Wasser übergießen. Senfsamen und Curryblätter in etwas (Kokos-)Öl anbraten, bis sie knistern, und über die Kokosraspeln gießen. Mit Salz und Pfeffer würzen, dann Ingwer und Chili unterrühren und vermischen.



Dies ist ein Rezept aus dem sehr guten Kochbuch von Anna Jones "a modern way to eat". Vegetarische und vegane Rezepte, ganz ungewöhnlich gewürzt. Es gibt auch einfache Rezepte darin, aber die Konzentration auf etwas Aufwendigeres hat mir heute gut getan.

Mosaik Verlag, ISBN 978-3-442-39286-5

Mittwoch, 20. Juli 2016

Matthieu Ricard: Über die Gewalt

Schwarzer Mahakala, Ausdruck des zornvollen Mitgefühls

"Ob es sich nun um Gebietsansprüche, um die Wasseraufteilung bei der Bewässerung oder anderes handelt: Sämtliche Konfliktgründe der Welt kommen von der Vorstellung, 'dass man mir Unrecht tut', gefolgt von einem Gefühl der Feindseligkeit. Dieser negative Gedanke ist eine Abweichung vom natürlichen Zustand und daher eine Quelle des Leids. Es ist also offensichtlich, dass wir unsere Gedanken beherrschen müssen, bevor sie unseren Geist überschwemmen, genauso wie man die ersten Flammen eines Feuers ersticken muss, ehe der gnze Wald in Flammen steht. Es ist wirklich sehr einfach, sich in beträchtlichem Ausmaß von der 'grundlegenden Güte' zu entfernen, die in uns ist.

Folgt man einem Gebirgspfad, braucht es wenig, um einen falschen Schritt zu machen und den Hang hinunterzustürzen. Das Hauptziel einer spirituellen 'Disziplin' ist, immer völlig wachsam zu sein. Die Aufmerksamkeit und die wache Gegenwärtigkeit sind grundlegende Qualitäten. (...) Wie ein orientalisches Sprichwort sagt: 'Mit Geduld wird der Obstgarten zu Konfitüre.' Dass es lange dauern dürfte, ändert nichts an der Tatsache, dass es keine andere Lösung gibt. Selbst wenn die Gewalt im Ganzen weiterwirkt, ist die einzige Art, ihr zu begegnen, die Wandlung der Individuen. Diese Wandlung kann sich anschließend vom einzelnen auf seine Familie ausdehnen, dann auf das Dorf und die Gesellschaft. Einzelnen Gesellschaften ist es in bestimmten Momenten ihrer Geschichte gelungen, Mikroklimas des Friedens zu etablieren. Dieses Ziel kann erreicht werden, wenn jeder das Seine dazu beiträgt und die universelle Verantwortung der Menschen untereinander an Bedeutung gewinnt."

Matthieu Ricard, Molekularbiologe, buddhistischer Mönch und 
Übersetzer des Dalai Lama 

Sonntag, 17. Juli 2016

DAS HAUS


Ich habe mir ein Herz gefasst und DAS HAUS besucht. Besser gesagt: Ich habe es angeschaut, durch den Zaun hindurch, weil ich nicht bei fremden Menschen klingeln und sagen wollte: "Darf ich mich umschauen, ich habe hier sieben Jahre lang gewohnt. Es ist lange her, zugegeben, aber ich habe eine Entschuldigung für meine Unhöflichkeit: Ich habe dieses Haus geliebt."

Das also wollte ich nicht sagen, und so bin ich den weiten Weg von der Stadt (meiner Heimatstadt, die von meiner jetzigen Stadt auch sehr weit entfernt ist) den Berg hinaufgegangen, diesen Weg, den ich als Schülerin bei jedem Wetter gegangen bin, den schweren Ranzen auf dem Rücken. Im Winter durch Eis und Schnee, im Hochsommer unter der glühenden Sonne, im Regen eingewickelt in ein bodenlanges Regencape.

Das Haus gehörte uns nicht, bewahre. Wir hatten es billig zur Miete bekommen, denn eigentlich war es ein Sommerhaus und nicht zum ganzjährigen Wohnen gedacht. Wir stellten schlecht ziehende Ölöfen auf, durch die Lücken in der Holzfassade konnte man die Bäume betrachten, wir froren unablässig. Ich hatte mein erstes eigenen Zimmer, das nur im Sommer bewohnbar war. Aber es gab einen riesigen Garten, der von zwei Gärtnern der Vermieterfamilie betreut wurde; im Garten Kirschbäume, Apfelbäume, Wildblumenwiesen, Wildrosen, Schmetterlinge und die Weite und Einsamkeit, die ein Kind wie ich brauchte. Wir hatten einen Uhu im Kamin, der sich tagsüber die Federn wärmte und nachts seine weichen Schwingen entfaltete, um - ein schwarzer räuberischer Schatten - lautlos auf Beutezug zu gehen. Hin und wieder fanden wir eine tote Maus vor der Tür. Weil uns kein Mensch das Märchen von dem Uhu glaubte, bestellten wir den Biologielehrer und ein paar andere Autoritäten zur Uhu-Beschau und genossen fortan ein bescheidenes Ansehen in der Stadt, als die Leute, die tatsächlich einen Uhu im Kamin hatten.

Ich war elf, als wir einzogen, und achtzehn, als ich das Haus verlassen musste. In der schwierigen Zeit des Abschieds von der Kindheit umgab mich das Haus mit seiner schützenden Hülle. Das Äußerste, was ich je an Geborgenheit erfahren habe. Meine Mutter mochte das Haus nicht, seine dunklen Ecken und Winkel, seine Neigung, Massen von Spinnen aus dem Nichts heraus zu produzieren und an die Balken zu hängen, von wo aus sie sich abseilten, in Betten und Teller hinein. Als ich achtzehn war, setzte sie sich durch; wir zogen in eine Wohnung in der Stadt, in der ich mich keine Minute wohlfühlte. Das Haus stand fortan leer.

Irgendwann hörte ich, der Garten sei parzelliert und DAS HAUS sei an zwei Männer - waren es Dänen oder Schweden? - verkauft worden. Würden die neuen Besitzer es lieben und hegen? Würden sie die eine Treppenstufe zum Untergeschoss, die beim Betreten eine Triole zu singen pflegte, auch weiterhin singen lassen? Stünde die alte Bank noch neben der Eingangstür? Würde das Dach immer noch Moos ansetzen? Gefasst machte ich mich auf den Weg, entschlossen, keinesfalls enttäuscht zu sein. Ich stand da und schaute durch den Maschendraht. Die alte Bank, das Moos auf dem Dach, die vertrauten Bäume, die Fenstersprossen - alles da. Wie früher, nur schöner. Und dann sah ich die tibetischen Gebetsfahnen.

An den Orten, an denen wir intensiv gelebt haben, hinterlassen wir unser Zeichen. Unsichtbar, unhörbar, aber es ist da, in der Atmosphäre, in den Wänden, den Böden. Ich weiß das, denn in jeder Wohnung, die ich gemietet habe, musste ich die unsichtbaren Zeichen der Vormieter entfernen, indem ich in geduldiger Arbeit meine Atmosphäre darüber legte. Ich hatte in dem Haus den Siddhartha von Hermann Hesse gelesen, mein erstes Zen-Buch entdeckt und nach der Zeichnung in dem Buch meine Beine gefaltet, um herauszufinden, was das ist: Meditation. Und Jahrzehnte später wurden zwei an einem Hauskauf interessierte Männer auf den stillen, für das Auge unsichtbaren Wegen von Skandinavien auf den Berg in meiner Heimatstadt gerufen und lasen die Zeichen, die ich hinterlassen hatte, und verstanden sie. Und kauften ein Haus, das zu ihnen sprach und ihnen sagte, es sei ein guter Ort, um Gebetsfahnen aufzuhängen.

So ist das mit den unsichtbaren Zeichen. Und wir setzen in jedem Augenblick neue. Werden sie eine gute Einladung sein für die, die nach uns kommen?

Montag, 11. Juli 2016

"Der Gast im Garten" von Takashi Hiraide

Ein kleines zartes Buch für Menschen, die eine japanische Seele haben (also solche wie ich ...). Da wird von Menschen erzählt, die es vollkommen selbstverständlich finden, sich zu einer bestimmten Tageszeit im Sommer in den Garten zu begeben, um darauf zu hoffen, dass eine ganz bestimmte Libelle sich wieder auf ihren ausgestreckten Arm setzen wird. Menschen, die sich in ihrem Haus auf den Boden legen, um stundenlang die Veränderungen des Lichts durch das Oberlichtfenster zu beobachten. Menschen, die untröstlich sind, weil ihnen verwehrt wird, auf das Grab einer geliebten Katze einen Blumenstrauß zu legen.

Worum "geht" es in diesem Roman? Um eine kleine, schöne, den Nachbarn zugelaufene Katze, die auch das Paar mittleren Alters, das nebenan wohnt, regelmäßig besucht und eines Tages angeblich verstorben ist? Um eine alte Villa, die verkauft werden muss, weil die Besitzer ins Altenheim gehen; um das kleine Teehaus auf demselben Grundstück, das für kurze Zeit ein Paradies für das Ehepaar im mittleren Alter war, und nun zusammen mit der Villa einem modernen Wohnblock weichen muss? Um Japan am Beginn der Wirtschaftskrise und die Frage, wie ein Schriftsteller mit kargem Einkommen über die Runden kommen kann? Um eine Katze, die zu einer Seelenfreundin wird?

Die Frau des Paares im mittleren Alter erzählt einmal ihrem Mann von dem Aphorismus eines Denkers, "demzufolge die Beobachtung der Kern einer Liebe sei, die nicht in Gefühlsduselei verfalle". Die Menschen in diesem Buch haben gelernt, in Ruhe und Gelassenheit zu beobachten - die Art, in der Chiibi, die Katze mit dem Glöckchen, auf einen Baum springt, einen Fisch verschlingt. Der Zaun hat ein Astloch, das wie eine camera obscura wirkt; entzückt werden die Wirkungen betrachtet, die durch am Astloch vorbeigehende Passanten ausgelöst werden. Die Pflanzen, das Licht, der Mond: nichts ist unwichtig, alles wird beobachtet, bedacht, gewürdigt.

Wenn es um überhaupt etwas "geht" in diesem Buch, das eigentlich gar kein Roman ist, dann um den Augenblick und das Wissen um seine Vergänglichkeit. Und ja, es liegt eine leise Melancholie über dem Buch, aber die kleine Katze - ich muss das einfach sagen, das kann ja eine Katzenliebhaberin sonst gar nicht aushalten -, also die kleine Katze ist wohl doch nicht gestorben. Mehr verrate ich jetzt nicht.

Takashi Hiraide "Der Gast im Garten", aus dem Japanischen von Ursula Gräfe, mit schönen Bildern von Quint Buchholz, Insel Verlag, ISBN 978-3-458-17626-8

Mittwoch, 29. Juni 2016

Dieser Augenblick ist das ewige Jetzt


"Wir leben in einem ewigen Jetzt, und wenn wir uns Musik anhören, dann hören wir nicht auf Vergangenes, wir hören nicht auf Zukünftiges, sondern wir hören auf Gegenwärtiges, das sich vor uns entfaltet. Genau wie wir ein Gesichtsfeld haben, das sich in die Breite und die Ferne erstreckt, so ist auch der gegenwärtige Augenblick nicht bloß ein Haarstrich auf der Zeitlinie, die die Uhr misst. Der gegenwärtige Augenblick ist ein Erfahrungsfeld, das sehr viel mehr als ein bloßer Augenblick ist. Eine Melodie hören, heißt auch die Intervalle zwischen den Tönen hören. Innerhalb des gegenwärtigen Augenblicks können wir Intervalle hören und Rhythmen sehen. So können wir innerhalb jedes Augenblicks spüren, dass sich etwas Kontinuierliches abspielt.

Wenn ich vom ewigen Jetzt spreche, dann ist das nicht zu verwechseln mit dem Bruchteil einer Sekunde. Das ewige Jetzt ist geräumig, leicht und reich, aber auch leichtsinnig! Jesus sprach tatsächlich vom Leichtsinn: "Seht die Lilien des Feldes, wie sie wachsen. Sie graben nicht, sie spinnen nicht, und doch war Salomo in all seiner Pracht nicht gekleidet wie eine von ihnen." Damit soll gesagt werden: Sorgt nicht ängstlich für das Morgen, sondern gönnt euch ein wenig Leichtsinn.

Es gibt einen göttlichen Leichtsinn. Die Liebe, die die Sonne und die anderen Sterne bewegt, ist Leichtsinn. Daher könnte man von Gott sagen, er sei ernsthaft, aber nicht ernst."

Alan Watts (1915 - 1973), Philosoph, anglikanischer Priester, Professor und einer der großen Interpreten östlicher Philosophie
(Aus seinem Buch "Leben ist jetzt", Herder Spektrum)

Die Kalligraphie ist von Thich Nhât Hanh
 

Freitag, 24. Juni 2016

Musik für eine Sommernacht


Meine Lieblingsgruppe Rajaton mit
"Dobbin's Flowery Vale".

Finnische Sommernachtsmusik!


Dienstag, 21. Juni 2016

Heute ist Sommeranfang


Ist das nicht schön? Ein Hauch von Farbe, der vor dem Hintergrund in solidem Grau besonders gut zur Geltung kommt.

Dieser Sommer hat einfach Stil.


Samstag, 18. Juni 2016

Die Kinder der Kinder der Rose


"Die wern nix mehr", sagte die Marktfrau und schaufelte mir die Bauernrosen in den Arm, um vier am Nachmittag, bevor sie den Rest aus dem Eimer in den Abfall warf. Ich hinterließ eine Spur aus Rosenblättern auf dem Kopfsteinpflaster; als ich am Wagen ankam, standen nur noch die Samenkapseln auf den Stengeln. Und an den äußersten Enden winzig klein die Kinder der Kinder der Rose. Jetzt verlieren sie sich im Sherryglas. Die Enkelchen. Die nichts mehr werden, wie sie sagte.

Sie werden nicht aufgehen. Sie werden nicht blühen. Sie werden nicht duften. Sie werden nichts von dem tun, was wir von Rosen erwarten. Ihr Gelb und Mauve verblasst allmählich, ihre Blätter verwandeln sich in Pergament.

Sie sind einfach da. Sie sind. 

Montag, 13. Juni 2016

Was ist Achtsamkeit?



Meinen Artikel zum Thema Achtsamkeit, der im Sonderheft "Achtsamkeit" von Buddhismus aktuell 1/2016 abgedruckt wurde, kann man jetzt in ganzer Länge auf meiner Homepage lesen; hier ist der Link dorthin.