Montag, 29. Mai 2017

Schnipp schnapp


Kleine kreative Lockerungsübung.
Oder: Die Dichterin hat hitzefrei.

Hier erzählt Taija von der Poesiekiste, die sie in München mit Schnippel-Poesie füllt.


Und hier ist die Urmutter aller poetischen Schnipsel-Collagen. Ein Wunderbuch: Herta Müller "Vater telefoniert mit den Fliegen". Erschienen bei Hanser. Es gibt noch ein zweites: "Die blassen Herren mit den Mokkatassen". Ebenfalls bei Hanser.

Herta Müller hat einen eigenen Schrank für ihre Schnipsel, die in die Tausende gehen. Ich habe nur einen Schuhkarton, und auch der ist nur halb voll. Für eine Nicht-Nobelpreisträgerin finde ich das ausreichend.

Donnerstag, 25. Mai 2017

Die Welt schickt Botschaften

Eine Wolke? Keine Wolke?

"Das Universum versucht ständig, uns zu erreichen und uns etwas zu lehren oder uns etwas zu sagen, aber wir weisen es dauernd zurück. Wir sind nicht interessiert daran, die Symbole oder die Zeichen, die auftauchen oder uns geschehen, wahrzunehmen. Aber jetzt können wir die Symbole genau und direkt erfahren. (...) Die Basis der Meditationspraxis ist das Interesse und die Aufmerksamkeit für jede Aktivität, in die wir eingebunden sind, unser ganzes Leben lang, in jedem einzelnen Moment. Sobald wir aufhören, die Welt abzulehnen, stürzt sich die Welt auf uns. Symbole drängen sich uns geradezu auf. Wahrnehmungen und Erkenntnisse, die alle Arten von Wirklichkeiten betreffen, nehmen Gestalt an. Symbole sind überall, rechts und links und vorne und hinten." Chögyam Trungpa

Diese Aussagen des tibetischen Tulkus Chögyam Trungpa stammen aus Vorträgen, die er in den USA für Künstler gehalten hat. Nun muss man wissen, dass "Dharma Art", wie es in der von ihm gegründeten Shambhala Schule genannt wird, eine Lebenskunst ist, die alles umfasst: "... wie man kommuniziert, wie man spricht, wie man kocht, wie man seine Kleidung und die Nahrungsmittel im Supermarkt auswählt - jedes kleine Detail." Dieselbe Auffassung also wie mein "Zen als Lebenskunst". Um dies zu praktizieren, brauchen wir Aufmerksamkeit für jeden einzelnen Moment, völlige Wachheit für das, was sich gerade zeigt. Sobald wir uns in dem Geschwätz unseres Geistes verlieren, ist die Verbindung mit der Lebendigkeit und Fülle des Augenblicks zerrissen.

Aber vielleicht wollt Ihr ja nicht nur Lebenskünstler sein, sondern in einem Medium künstlerische Aussagen machen. Kein Widerspruch, sagt Trungpa. Aus dieser Wachheit und Klarheit entstehe mühelos auch die klassische Kunst - das Bild, die Fotografie, die Kalligrafie, das Gedicht, das Blumengesteck. "Dann beginnen wir, mit der Wahrnehmung des Objekts einfach zu sein, ohne es zu akzeptieren oder zurückzuweisen. Das ist eine Art von Stillstand, in der Kommentare und Bemerkungen unwichtig werden; wichtig ist allein das Sehen der Dinge, wie sie sind." 

Sind das nicht zwei Aussagen, die sich widersprechen, die "Dinge, wie sie sind" und das Thema "Symbol"? Für uns Zen-Praktizierende (die wir Wahrnehmungs-Experten sind) ist das kein Widerspruch. Wenn sich im alten Griechenland zwei Freunde für längere Zeit trennen mussten, brachen sie beim Abschied einen Tonring in der Mitte durch. Jeder Freund bekam eine Hälfte dieses symbolon.. Bei der Wiederbegegnung nach vielen Jahren dienten die beiden Hälften, die zusammenpassten, als Erkennungszeichen: Ja, er ist es wirklich, mein Freund. Ein Symbol ist also laut Wikipedia "eine Sache oder ein Zeichen, das für etwas anderes steht".

In der Zen-Tradition gibt es diese bekannte Aussage: Wenn der Schüler mit der Praxis beginnt, sind die Berge einfach nur Berge. Nach langer Zeit der Übung erkennt er plötzlich, dass die Berge gar keine Berge sind. Übt er aber nach dieser Erkenntnis immer weiter, kommt der Tag, an dem die Berge wieder Berge sind.

Die "Dinge" der Welt - der Berg, die Ameise, der Apfel, der Geliebte - sind zugleich sie selbst und ein Symbol. Zuerst betrachten wir als Künstler ihre äußere Form und Beschaffenheit: das zarte Gelb des Apfels, das in kleinen grüngelben Strichen hinüberführt in eine Art rostiges Rot. Die Felsspalte hoch oben am Berg, durch die, wie wir nach einer Weile des geduldigen Schauens erkennen, ein Rinnsal fließt. Und dann - wir wissen nicht, wie und warum das geschieht - öffnet sich auf einmal die Form und schickt uns eine Botschaft in Gestalt einer fühlbaren Energie oder einer plötzlichen Erkenntnis in unserem Geist. Wir sehen: der Berg ist viel mehr als ein Berg, der Apfel viel mehr als seine äußere Form. Das ist der Moment, in dem wir zum Pinsel, zum Bleistift, zur Kamera greifen. Wir haben wirklich gesehen - und die Welt hat sich geöffnet.

Dann kehren wir zurück in unsere Alltagswelt mit unserem Bild, dem Gedicht, der Erkenntnis, und der Apfel ist wieder ein Apfel, der Berg ist wieder ein Berg. Aber wir sind nicht mehr dieselben. Wir haben das Außergewöhnliche im Gewöhnlichen gesehen, haben eine Botschaft von einer anderen Wirklichkeit empfangen, die sich durch die Dinge der Welt unablässig ausspricht. Vorher hatten wir nur die eine Hälfte des symbolon, die äußere Gestalt der Dinge. Jetzt haben wir die zweite Hälfte gefunden, und sie passt.

Wie wäre es, jeden Tag oder jeden zweiten oder dritten eine Stunde dem wirklich tiefen Sehen zu widmen? Mit Bleistift oder Kamera oder einfach mit weit offenen Augen und Ohren. Sehen, ohne das Gesehene zu kommentieren, zu beurteilen oder einzuordnen. Lauschen. Spüren. Und auf die Botschaft warten, die ganz bestimmt kommen wird.

Diesen ganzen warmen Sommer lang. Wie wäre das?

Mittwoch, 17. Mai 2017

Frau Irgang kocht. Und hat ein Schüsselerlebnis.



Selbst in altehrwürdigen Seminarhäusern heißt so etwas heute "Buddha Bowl". Zu dieser Inflation des Wortes Buddha sag ich jetzt mal nix.

Aber ich sage, was heute in meiner Schüssel war:

* Grüner Spargel
* Avocado
* Tomaten
* Rote Bete
* Quinoa (warm)
* Gebratener Halloumi, mit Mohn bestreut


Dazu ein geniales Dressing aus Frühlingszwiebeln, 1 TL Honig, 1 TL Harissa, etwas Zitrone, 1 EL Olivenöl. Mit Minze garnieren.

Das Dressing und die BOWL wurden inspiriert von der Köchin Anna Jones, die ich nicht genug loben kann. Ihre beiden Kochbücher "a modern way to eat" und "a modern way to cook" sind bei mir täglich im Einsatz. Mehr hier auf ihrer Homepage.

Übrigens gibt es beide Kochbücher auch auf Deutsch unter denselben (englischen) Titeln.

Freitag, 12. Mai 2017

Joachim Kaiser +11. 5. 2017

Quelle: Wikipedia

Seltsam, vor ein paar Tagen dachte ich an ihn. Ich hatte lange nichts von ihm gelesen. Es war immer stiller um ihn geworden, aber andererseits bekam ich so vieles aus seinem Umkreis und Wirken nicht mehr mit, seit ich München verlassen hatte.

Er war für viele Künstler - Musiker, Sänger, Schriftsteller und Theatermenschen - der eine große, der größte Kritiker Deutschlands. Universal gebildet, hochintelligent, begabt mit einer Formulierungskunst, die sehr oft die der Autoren, die er kritisch begleitete, übertraf.

Wir begegneten einander, als ich 1985 auf Einladung von Marcel Reich-Ranicki eine Geschichte beim Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt las und Joachim Kaiser in der Jury saß. Die Gefechte zwischen "Kaiser und Reich" waren legendär. Die beiden waren Antipoden - der eine ein Schwertschwinger, der andere ein Florettfechter. Nun hatte ich das Glück, dass Reich-Ranicki meine Geschichte nicht mochte, was er begründete mit dem für einen Kritiker eigentlich völlig unmöglichen Satz "Ich mag keine Kindergeschichten". Das war das Stichwort für den Auftritt von Joachim Kaiser. Er analysierte meine Sprache und meine Form mit der hochsensiblen Wahrnehmung eines Musikers für Zwischentöne (meine Arbeit damals bestand fast ausschließlich aus Zwischentönen, die Worte waren eher Gerüste für das Dazwischen ...), und als am letzten Tag jeder Juror seinen Vorschlag für den Bachmann-Preis vortrug, nannte er meinen Namen. Als Einziger. Es gab aber noch zwei andere Preise. Für den zweiten Preis nannte er - mich. Und als es dann zum dritten Preis kam, und er anhob: "Man muss es dreimal sagen ...", tobte das Auditorium, und es schlossen sich ihm tatsächlich zwei andere Juroren an.

Ich bekam keinen Preis. Es war mir gleichgültig. Diese ganze unsägliche Veranstaltung, bei der es nicht um die Literatur ging (und wohl bis heute nicht geht), sondern um Selbstdarstellung von Autoren und Kritikern, hätte ich am liebsten am ersten Tag verlassen, wenn es Kaiser nicht gegeben hätte. Weil da einer saß, der die Literatur liebte, wirklich liebte, und deshalb litt, wenn etwas danebengegangen war, und sehr, sehr scharf werden konnte, wenn er hohle Formulierungen hörte oder einen Autor eitel fand (er, der selbst nicht ohne Eitelkeit war). Und weil einer, endlich, meine Arbeit verstanden hatte. Nachdem alles vorbei war, kam er auf mich zu und stand unter Strom, wie immer damals. "Die verstehen alle nichts von Literatur", sagte er. "Gefällt es Ihnen hier? Ich finde es furchtbar." Und: "Ich wusste, dass Sie den Preis nicht bekommen würden, aber ich wollte unbedingt auf Sie aufmerksam machen."

Das war ihm gelungen. Kurze Zeit später bekam ich den Bayerischen Literaturpreis und den Rom-Preis Villa Massimo, aber da begann ich schon - das wusste ich damals noch nicht -, mich von der Welt der Eitelkeiten des Literaturbetriebs abzuwenden.

Joachim Kaiser ist am 11. Mai 2017 gestorben. Er hat mir einen Weg eröffnet. Ich werde diese eine und einzige Begegnung mit ihm nie vergessen.

Donnerstag, 11. Mai 2017

Post aus Finnland


 ... ein winziges Buch (4 x 5,5 cm) von Taija, Leserin und Weggefährtin, die den schönen Blog "Augengeblicktes" hat. Das Titelblatt aus Birkenhaut, drei kleine Fächer innen, darin drei winzige Federzeichnungen mit einem Hauch Farbe, Wahrnehmungsmomente aus Finnland: Weil doch meine Seele eine Finnin ist, die sehr viel mehr Weite, Ruhe, Stille und Einsamkeit braucht, als sie hier, wo sie nun mal lebt der Sprache wegen, findet ...


... und dann träumt da oben noch die Katze, und ich sehe, dass sie ihrer Umgebung vertraut: Das ist eine Katze, die nur Gutes kennt, Frieden, Wärme und Sattheit, und deshalb schläft sie so tief ...

Ganz großen Dank, liebe Taija, ich habe mich sehr gefreut!

Montag, 8. Mai 2017

Ein Same des Absoluten


Das Absolute arbeitet mit nichts -
es gibt keine Lehrveranstaltung, kein Material.
Versuche, ein weißes Blatt Papier zu sein.
Sei ein Fleckchen Erde, auf dem nichts wächst,
aber etwas gepflanzt werden könnte,
vielleicht ein Same des Absoluten.

Rumi

The Absolute works with nothing.
The workshop, the materials
are what does not exist.
Try to be a sheet of paper with nothing on it.
Be a spot of ground where nothing is growing,
where something might be planted,
a seed, possibly, from the Absolute.

Rumi

Photo credit David Nyblack

Dienstag, 2. Mai 2017

Sei weit, sei weit!


Vor lauter Lauschen und Staunen sei still,
du mein tieftiefes Leben;
dass du weißt, was der Wind dir will,
eh noch die Birken beben.

Und wenn dir einmal das Schweigen sprach,
lass deine Sinne besiegen.
Jedem Hauche gib dich, gib nach,
er wird dich lieben und wiegen.

Und dann meine Seele sei weit, sei weit,
dass dir das Leben gelinge,
breite dich wie ein Feierkleid
über die sinnenden Dinge.

Rainer Maria Rilke