Mittwoch, 30. August 2017

Meine Schwester Spätsommersonne


Sie hat jetzt Mühe mit dem Aufstehen. Jeden Tag schläft sie etwas länger. Wenn sie es endlich über den Kandel geschafft hat, trägt sie noch ihre Nachtmütze in der Farbe wässriger Milch. Nein, sie ist noch nicht alt und noch längst nicht bereit, dem Herbst die Herrschaft abzutreten. Der lauert schon in den Baumwipfeln, wirft zur Erinnerung an seine Anwesenheit ab und an spielerisch ein paar verdorrte Blätter herunter. Er weiß, seine Zeit wird kommen. So ist es immer, so ist es gewesen seit Anbeginn in dieser Gegend der Welt. Die ältere Dame kommt langsam in die Gänge, aber gegen zehn schüttelt sie den Schlaf ab und zeigt noch einmal, was sie kann. Mittags schafft sie mühelos die 30 Grad, füllt Schwimmbäder und Eiscafés, schickt Wanderer auf die Berge, trocknet das geschnittene Gras zu Heu.

Spätsommersonne, meine Schwester. Ich stehe mit ihr zusammen auf und begleite sie auf ihrem Weg durch den Tag (man muss jetzt auf sie aufpassen, sie muss noch ein wenig durchhalten): etwas wehmütig, mit Abschied im Herzen. Dieser Sommer war sehr groß, randvoll mit Reisen und Begegnungen. Auch auf mich wartet der Herbst; er kommt mit Farben, die mir eigentlich gut stehen - Gold, Rostrot, Zimtbraun -, und doch will ich sie noch nicht tragen. Der Herbst macht sich bereit, in meinem Leben das fallen zu lassen, was nicht mehr gebraucht wird; das sterben zu lassen, was sterben muss. Bis irgendwann, im Winter meines Lebens, die Zweige der blattlosen Bäume wie eine Kalligrafie am Himmel stehen werden.

Das eine letzte Wort, gezeichnet auf die farblose Leinwand kurz vor dem Abspann.

Freitag, 25. August 2017

documenta 14 in Kassel


Máret Ánne Sara "Pile o' Sápmi"

Ich hatte das große Glück, zusammen mit zwei anderen Frauen die documenta in Begleitung einer lieben Freundin, die Kunsthistorikerin ist, zu besuchen. Sie hat eine kleine, feine Vorauswahl aus der Überfülle getroffen, und ich bin von allem, was sie ausgewählt hat, vollkommen begeistert. Ich will niemanden überfordern, deshalb hier nur drei der für mich stärksten Eindrücke:

Máret Ánne Sara "Pile o' Sápmi". 2007 ordnete die norwegische Regierung die Keulung von Rentierherden an, die dem Volk der Sámi gehörten. Mit diesem Gesetz nahm die Regierung den Sámi die Lebensgrundlage. Der junge Rentierzüchter Jovsset Ánte Sara verklagte den norwegischen Staat und bekam Recht: die Tötung war eine Verletzung der Eigentumsrechte gemäß Europäischer Menschenrechtskonvention. Jovssets Schwester Máret aber ist Künstlerin; sie schuf aus den Schädeln der zwangsweise getöteten Rentiere einen Vorhang: ein unglaublich ästhetisches und gleichzeitig berührendes Mahnmal, das die Brutalität staatlicher Willkür zeigt. (Die norwegische Regierung hat übrigens gegen das Urteil Berufung eingelegt.)

Máret Ánne Sara "Porzellankette aus der Knochenasche von Rentieren


Britta Marakatt-Labba. Ebenfalls eine Sámi-Künstlerin, die die Geschichte der Sámi, in der Spiritualität und Alltag einander durchdringen, mit textilen Mitteln erzählt: Auf einem Leinenstreifen von 39 cm x 23,50 m finden wir Wildschweine und Rentiere, Bäume, Wolken, Wälder und Menschen - gestickt, gedruckt und appliziert, aus Wolle, Leinen und Seidengaze. Eine ganz feine subtile Arbeit, die man von Nahem ansehen muss. Mein Foto zeigt nur einen winzigen Ausschnitt.

Britta Marakatt-Labba

Romuald Karmakar "Byzantion" (Agni Parthene). Der Filmemacher Romuald Karmakar hat den Hymnus an die Gottesmutter in der griechischen und slawischen Version singen lassen. Wenn mich meine Begleiterinnen nicht aufgefordert hätten, weiterzugehen, wäre ich die letzten Stunden dort liegen geblieben. Ein Tempel inmitten des documenta-Wirbels.



Mittwoch, 16. August 2017

Mark Henshaw "Der Schneekimono"


Ich habe dieses wunderbare Buch gerade zu Ende gelesen und muss es gleich hier vorstellen. Und obwohl ich eine "professionelle" Rezensentin bin, fällt es mir nicht leicht, das Buch mit klaren Worten zu beschreiben (das spricht für das Buch). Es gibt ein Bild, das die Struktur der Geschichte am besten beschreibt. Der Japaner Professor Omura erklärt dem französischen Kommissar Jovert den Unterschied zwischen dem westlichen Puzzle, das nach einem vorgegebenen Bild zusammengesetzt wird, und einer japanischen Trickschachtel: Die unzähligen Teile der Trickschachtel seien so ausgewählt, dass sie den Spieler immer aufs Neue zu täuschen verstünden. Kein Teil sei wie das andere, und man wisse nie, wohin das Ganze führen solle. Deshalb, so Professor Omura, sei die Trickschachtel eine Meditation über das Leben.

Dieser Roman ist eine Trickschachtel. Eines Abends steht also besagter Japaner vor der Tür des pensionierten Kommissars Jovert in Paris und lässt sich nicht abweisen. Im Verlauf von Monaten erzählt Omura dem Kommissar die Geschichte seines Freundes Katsuo Ikeda; es ist die Geschichte eines prallen Lebens, und sie enthält Liebe ebenso wie Verrat, Gewalt und Betrug. Und es geht um Kinder, die verlassen, verkauft und verleugnet werden. Warum diese Anstrengung, einem Fremden von einem Menschen zu erzählen, der diesem ganz unbekannt ist? "Willst du dein Leben erkennen, musst du es durch die Augen eines anderen sehen", sagt Professor Omura. Verändert sich der Blick auf das eigene Leben, wenn es einem anderen erzählt wird? Kann man gar in das Leben eines anderen schlüpfen, indem man es aus seiner Perspektive erzählt?

Das Buch ist sehr japanisch, deshalb liebe ich es so. Immer wieder ergeben sich neue Wendungen in der Geschichte, die mich überraschen, an die ich nie gedacht hätte. Die im Grunde absurde Ausgangssituation, in der ein Mensch einem ihm Unbekannten das Leben eines Dritten erzählt, wird immer transparenter, immer glaubwürdiger. Ist es ein Zufall, dass Kommissar Jovert zur selben Zeit erfährt, dass er eine Tochter in Algerien hat? Und dass auch er von seiner Vergangenheit eingeholt wird, die von Verrat, Betrug und Gewalt geprägt war? Nein, sagt Professor Omura, es gibt keine Zufälle. Unsere Leben sind miteinander verwoben, auch wenn wir es nicht wissen.

Das Buch ist poetisch; sehr schön sind die Bilder von Schnee und Regen, Steinen und Wäldern. Mark Henshaw kann die Atmosphäre von Japan ebenso beschwören wie die von Algerien und einem Winter in Paris.

Mark Henshaw "Der Schneekimono", aus dem Englischen von Ursula Gräfe, Insel Verlag.
 

Freitag, 11. August 2017

Steh in deinen eigenen Schuhen! Über den Umgang mit Missbrauch in Spiritualität und Therapie.


Vor einigen Tagen hat mich wieder so eine erschütternde Meldung aus einer spirituellen Schule erreicht: Acht langjährige Schülerinnen und Schüler des bekannten tibetischen Meisters Sogyal Rinpoche - Autor des großartigen Buches "Das tibetische Buch vom Leben und vom Sterben" - haben ihrem Lehrer einen ausführlichen Brief geschrieben, in dem sie ihm den Spiegel über seine Verhaltensweisen vorhalten. Es wird berichtet von Schlägen, Tritten und Bloßstellungen, von sexuellen Beziehungen zu Schülerinnen und einem von der Sangha bezahlten "unersättlichen" Lebensstil. Der Brief ist sachlich, frei von persönlichen Emotionen. Wer ihn lesen will, findet ihn und die völlig unzureichende Antwort von Sogyal auf der Online-Seite der Zeitschrift "Buddhismus aktuell" in deutscher Übersetzung hier (klick).

Mir geht es nicht um diesen speziellen Fall, sondern um das Prinzip. Ich frage mich: Warum haben es diese Schülerinnen und Schüler, die zum Teil seit 20 und 30 Jahren in der Rigpa-Schule sind, nicht früher geschafft, Konsequenzen aus dem zu ziehen, was sie da anscheinend täglich beobachten?

Meister, Lehrer aller Art, Priester und Therapeuten sind Autoritäten. Wir wenden uns an sie, weil sie mehr wissen als wir und uns etwas lehren können. Solche Menschen haben Charisma, sie ziehen uns an, und vielleicht verehren wir sie für ihre Weisheit, Klarheit und Energie. Das ist alles verständlich und völlig in Ordnung, solange der Lehrer/Meister/Priester/Therapeut seine Macht nicht zu seinem eigenen Vorteil missbraucht. 

Zu erkennen, dass ein Missbrauch vorliegt, ist aber gerade in spirituellen, religiösen und therapeutischen Kreisen gar nicht so einfach. Dort gibt es nämlich erwünschte Verhaltensweisen (die wir, um beliebt zu sein, schnell begreifen und annehmen) und einen eigenen Sprach-Kodex. Im Fall des Dharma wird gern gesprochen von "zornvollem Mitgefühl", was jede Demütigung des Lehrers zu rechtfertigen scheint, und wenn der verunsicherte Schüler seine Zweifel zum Ausdruck bringt, ist das "unrechte Rede". In der Therapie wird gern vom "Widerstand" gesprochen. Wie unterscheiden wir also, ob der Lehrer/Therapeut uns zu unserem Besten mit unserer Gewohnheitsenergie konfrontiert - oder ob er seine Macht missbraucht, weil er selbst narzisstisch, egoistisch oder zutiefst gestört ist?

Adyashanti zitiert oft einen Ausspruch seiner Lehrerin, die zu sagen pflegte: "Stand in your own shoes". Steh in deinen eigenen Schuhen! Die Schuhe von anderen sind uns fast immer zu klein, zu groß, zu weit, zu eng. Wir kämen nicht auf die Idee, in solchen Schuhen weite Wege zurückzulegen. Schuhe müssen passen. Und niemand, auch nicht die beste Schuhverkäuferin, kann uns sagen, ob der Schuh wirklich passt. Das wissen nur wir selbst.

Aus meiner eigenen leidvollen Erfahrung mit spirituellen Lehrern und Therapeuten möchte ich Euch ans Herz legen: Bitte gebt Eure klare Wahrnehmung und Eure eigene Verantwortung niemals auf! Wenn wir zulassen, dass unser Geist von Worten, Regeln oder einem bestimmten Sprachgebrauch eingenebelt wird, verlieren wir den Kontakt zu unserem eigenen tief inneren Wissen. Dieses Wissen teilt sich mit durch unseren Körper. Bitte haltet immer wieder inne und spürt in Euch hinein. Krampft sich der Magen zusammen, rast das Herz, wird die Kehle eng, verspannen sich meine Muskeln? Das sind Warnsignale. 


Drei einfache Fragen sollten wir uns immer wieder stellen:

Ist
1. DIES
2. JETZT
3. FÜR MICH
stimmig?

"Passt" hier alles zusammen, für mich, in diesem Moment, in diesem Stadium meiner Entwicklung? Nichts zu klein und eng, nichts zu groß? Und wenn es nicht stimmig ist, nicht passt, in ruhiger und durchaus respektvoller Weise aufstehen und gehen. Dann muss man niemanden beschuldigen, muss keine Auseinandersetzung führen und ist sich auch bewusst, dass die eigene Stimmigkeit nicht die Stimmigkeit der anderen sein muss. 

Aber vielleicht doch. Wo immer ein Kind oder ein Jugendlicher missbraucht wurde, hat es mindestens einen Menschen gegeben, der etwas spürte/ahnte/sah und nicht in seinen eigenen Schuhen stand. Das möchte ich nicht unerwähnt lassen: Die Verantwortung für uns selbst ist nicht zu trennen von der Verantwortung für das große Ganze. In den eigenen Schuhen können wir sicher stehen; deshalb haben wir die Pflicht, aufzustehen und unsere Stimme zu erheben - gegen Missbrauch in jeder Form.

Mittwoch, 9. August 2017

"Walk with me". Film über Thich Nhât Hanh



Die Realisierung dieses Films habe ich mit einer (sehr kleinen) Spende unterstützt; im März hatte er Premiere auf dem Filmfestival in Austin, Texas:

Walk with me

Der Film über die monastische Gemeinschaft von Plum Village und die Lehre von Thich Nhât Hanh

Die Filmemacher Marc Francis und Max Pugh haben drei Jahre lang die Nonnen und Mönche des Intersein-Ordens begleitet, in Südfrankreich und in den USA. Sie wollten eine visuelle Sprache finden für die Praxis der Gemeinschaft - Frieden, Achtsamkeit, das Leben im gegenwärtigen Augenblick.

Wer die Praxis von Plum Village in ihrer "originalen" Form kennenlernen möchte, sollte ihn anschauen. In Freiburg läuft er gerade; ich hoffe, am Wochenende die Zeit zu finden, ihn anzuschauen.

Sonntag, 6. August 2017

Hochsommertage bei Buddha im Bayerischen Wald


Um 5.30 Uhr ruft die Glocke zur Morgen-Meditation. Vielleicht werde ich heute im Zendo mit den anderen sitzen. Vielleicht barfuss durch die taugetränkten Wiesen gehen. Später pflücke ich Wildkräuter im Bio-Garten und lerne von Helga, was man alles essen kann: Melde, Borretsch, Kapuzinerkresse, Nachtkerzenblüten, Hahnentritt, Löwenzahn.

Gehmeditation im Wald, und der Wald summt. Ein Hase flitzt über die Wiese. Die Stille ist tief und heiß. Der Alltag ist weit entfernt. Der Geist kommt zur Ruhe. Meine Tage sind erfüllt von Glocken und Gongs, Kräutern und Blumen, sorgfältig zubereitetem Essen und Putzeimer und Besen für die mir zugeteilte Hausarbeit. Es gibt keine Trennung zwischen dem Sitzen im Zendo, dem Pflücken von Wachsbohnen und dem Putzen der Toiletten. Wenn der Geist nicht unterscheidet in Mögen und Nichtmögen, ist auf einmal alles leicht und weit, weil alles eins ist: sich unablässig entfaltend im Einen, im Ganzen.


Anfang der 1990er Jahre lernte ich Helga und Karl Riedl, die das Intersein-Zentrum in Hohenau leiten, in Plum Village kennen; seitdem sind sie liebe Freunde von mir. Wieder einmal ist mir bewusst geworden, dass dieses Haus mehr ist als ein Meditations-Haus: Es ist, ganz im Sinn von Thich Nhât Hanh, eine Lebens-Schule, die Achtsamkeit in all ihren Aspekten lehrt. Hier ist nichts dem Zufall überlassen, alles ist bewusst ausgewählt und gestaltet: die Nahrungsmittel sind biologisch, die Ernährung überwiegend vegan. Im Haus natürliche Hölzer, Leinenvorhänge, Thays Kalligrafien und ein Hauch japanischer Ästhetik.

Wer ein Retreat besuchen möchte oder einfach nur eine Zeitlang mit der Sangha mitleben möchte, ist im Intersein-Zentrum immer willkommen. Und: Man darf seine Kinder mitbringen!


Hier ist die Homepage: www.intersein-zentrum.de  Und herzerwärmend die ausführliche Vorstellung des Zentrums durch David und Vanessa auf www.sanghabuild.org

Mittwoch, 2. August 2017

Das Wunder aus der Küche


Die äußeren Schalen des Chicorées abgezogen und zum ersten Mal gesehen:

Er hat innen ein feines, aber sehr robustes Fell!