Mittwoch, 16. August 2017

Mark Henshaw "Der Schneekimono"


Ich habe dieses wunderbare Buch gerade zu Ende gelesen und muss es gleich hier vorstellen. Und obwohl ich eine "professionelle" Rezensentin bin, fällt es mir nicht leicht, das Buch mit klaren Worten zu beschreiben (das spricht für das Buch). Es gibt ein Bild, das die Struktur der Geschichte am besten beschreibt. Der Japaner Professor Omura erklärt dem französischen Kommissar Jovert den Unterschied zwischen dem westlichen Puzzle, das nach einem vorgegebenen Bild zusammengesetzt wird, und einer japanischen Trickschachtel: Die unzähligen Teile der Trickschachtel seien so ausgewählt, dass sie den Spieler immer aufs Neue zu täuschen verstünden. Kein Teil sei wie das andere, und man wisse nie, wohin das Ganze führen solle. Deshalb, so Professor Omura, sei die Trickschachtel eine Meditation über das Leben.

Dieser Roman ist eine Trickschachtel. Eines Abends steht also besagter Japaner vor der Tür des pensionierten Kommissars Jovert in Paris und lässt sich nicht abweisen. Im Verlauf von Monaten erzählt Omura dem Kommissar die Geschichte seines Freundes Katsuo Ikeda; es ist die Geschichte eines prallen Lebens, und sie enthält Liebe ebenso wie Verrat, Gewalt und Betrug. Und es geht um Kinder, die verlassen, verkauft und verleugnet werden. Warum diese Anstrengung, einem Fremden von einem Menschen zu erzählen, der diesem ganz unbekannt ist? "Willst du dein Leben erkennen, musst du es durch die Augen eines anderen sehen", sagt Professor Omura. Verändert sich der Blick auf das eigene Leben, wenn es einem anderen erzählt wird? Kann man gar in das Leben eines anderen schlüpfen, indem man es aus seiner Perspektive erzählt?

Das Buch ist sehr japanisch, deshalb liebe ich es so. Immer wieder ergeben sich neue Wendungen in der Geschichte, die mich überraschen, an die ich nie gedacht hätte. Die im Grunde absurde Ausgangssituation, in der ein Mensch einem ihm Unbekannten das Leben eines Dritten erzählt, wird immer transparenter, immer glaubwürdiger. Ist es ein Zufall, dass Kommissar Jovert zur selben Zeit erfährt, dass er eine Tochter in Algerien hat? Und dass auch er von seiner Vergangenheit eingeholt wird, die von Verrat, Betrug und Gewalt geprägt war? Nein, sagt Professor Omura, es gibt keine Zufälle. Unsere Leben sind miteinander verwoben, auch wenn wir es nicht wissen.

Das Buch ist poetisch; sehr schön sind die Bilder von Schnee und Regen, Steinen und Wäldern. Mark Henshaw kann die Atmosphäre von Japan ebenso beschwören wie die von Algerien und einem Winter in Paris.

Mark Henshaw "Der Schneekimono", aus dem Englischen von Ursula Gräfe, Insel Verlag.
 
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