Mittwoch, 30. August 2017

Meine Schwester Spätsommersonne


Sie hat jetzt Mühe mit dem Aufstehen. Jeden Tag schläft sie etwas länger. Wenn sie es endlich über den Kandel geschafft hat, trägt sie noch ihre Nachtmütze in der Farbe wässriger Milch. Nein, sie ist noch nicht alt und noch längst nicht bereit, dem Herbst die Herrschaft abzutreten. Der lauert schon in den Baumwipfeln, wirft zur Erinnerung an seine Anwesenheit ab und an spielerisch ein paar verdorrte Blätter herunter. Er weiß, seine Zeit wird kommen. So ist es immer, so ist es gewesen seit Anbeginn in dieser Gegend der Welt. Die ältere Dame kommt langsam in die Gänge, aber gegen zehn schüttelt sie den Schlaf ab und zeigt noch einmal, was sie kann. Mittags schafft sie mühelos die 30 Grad, füllt Schwimmbäder und Eiscafés, schickt Wanderer auf die Berge, trocknet das geschnittene Gras zu Heu.

Spätsommersonne, meine Schwester. Ich stehe mit ihr zusammen auf und begleite sie auf ihrem Weg durch den Tag (man muss jetzt auf sie aufpassen, sie muss noch ein wenig durchhalten): etwas wehmütig, mit Abschied im Herzen. Dieser Sommer war sehr groß, randvoll mit Reisen und Begegnungen. Auch auf mich wartet der Herbst; er kommt mit Farben, die mir eigentlich gut stehen - Gold, Rostrot, Zimtbraun -, und doch will ich sie noch nicht tragen. Der Herbst macht sich bereit, in meinem Leben das fallen zu lassen, was nicht mehr gebraucht wird; das sterben zu lassen, was sterben muss. Bis irgendwann, im Winter meines Lebens, die Zweige der blattlosen Bäume wie eine Kalligrafie am Himmel stehen werden.

Das eine letzte Wort, gezeichnet auf die farblose Leinwand kurz vor dem Abspann.

Kommentare:

  1. Herzliche finnische Regengruesse....hier hat der Sommer, wie ich hörte, sich durchgehend versteckt.Die Waldböden sind gruenleuchtend, blau und rot bepunktet.Die Wolken schwimmen den Fluss hinab.Wenn es nur etwas wärmer wäre...oder ich wiederum loslassen könnte :-)
    So ist es doch gut, noch so gewärmt und genährt zu sein, wie Du es beschreibst...an Winter mag ich noch nicht denken.
    Nunja, das Loslassen ist ja auch eine Meisterdisziplin ;-)
    Taija

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    1. Ach, dort bist Du! Aber stell Dir mal vor, wenn es an den stillen Seen und in den tiefen Wäldern und all dem Seelenraum auch noch kuschlig warm wäre - wie viele Mücken und Touristen da wären!

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  2. Wie schön dein Text ist!
    Mit der Kalligraphie lassen wir uns (hoffentlich!)noch viel Zeit! erst noch bunt und dann herlich-golden-zimtig.... ja das passt mir auch!

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    1. Ja, Ellen, Deine Kalligraphie wird sicher auch später erscheinen als meine ...

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  3. Liebe Frau Irgang,
    mit Ihrem wunderbaren Text gehe ich als Spätsommersonnenkind seit einer Viertelstunde in meinen 58. Geburtstag hinein, ich beginne ihn alleine. Was Sie schreiben trifft mein momentanes Lebensgefühl genau: Mein Sommer war sehr groß; obwohl ich den Herbst schon nahen fühle, bin ich noch nicht bereit für ihn.
    Irgendwann die Zweige der blattlosen Bäume wie eine Kalligraphie am Himmel.
    Vielen herzlichen Dank für die treffenden, schönen Worte.
    H.

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    1. Gute Wünsche für ein weiteres Lebensjahr.

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  4. Ein wunderschöne Text. Es berührt mein Herz.
    Im Rhytmus der Jahreszeiten, den Rhytmus des Lebens.
    Vergänglichkeit um Platz für Neues zu schaffen.
    Es war schon immer so und wird immer so sein.
    Die Farben des Herbstes können unsere Seele bereicheren.

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  5. Ich war gestern 66 Jahre und lebe schon einige Zeit "im Herbst". Ich liebe dieses Lebensgefühl mit einem Anflug von Schwermut. Den heurigen Sommer empfand ich komischerweise etwas beschwerlich.
    Den Seelenraum warm zu halten,da entsteht ein Jahreszeiten unabhängiges Lebensgefühl.
    Mit lieben Grüßen Gitti

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    1. Noch ein Geburtstags"kind". Alles Liebe und Gute für jetzt und lange Zeit.

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  6. Danke für diesen tiefgängigen Text, den ich schon an einige Herbstfreundinnen weitergegeben habe- so kann frau sich auch übers Wetter und das Älterwerden /Sterben austauschen.
    Letztens konnte ich formulieren, dass mein Älterwerden mir hilft. Die schwindenden Kräfte wischen alles Entbehrliche fort und darunter liegt viel Zartes, dass nach meinem liebevollen Mitgefühl für mich und andere verlangt. Spielerisches Blätterloslassen- das wäre doch was...
    Danke! Susanne

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