Donnerstag, 28. September 2017

Blaue Hortensie


Blaue Hortensie

von Rainer Maria Rilke

So wie das letzte Grün in Farbentiegeln
sind diese Blätter, trocken, stumpf und rau,
hinter den Blütendolden, die ein Blau
nicht auf sich tragen, nur von ferne spiegeln.

Sie spiegeln es verweint und ungenau,
als wollten sie es wiederum verlieren,
und wie in alten blauen Briefpapieren
ist Gelb in ihnen, Violett und Grau;

Verwaschen wie an einer Kinderschürze,
Nichtmehrgetragnes, dem nichts mehr geschieht:
wie fühlt man eines kleinen Lebens Kürze.

Doch plötzlich scheint das Blau sich zu verneuen
in einer von den Dolden, und man sieht
ein rührend Blaues sich vor Grünem freuen.
  

Mittwoch, 20. September 2017

Jean-Pierre Weill "Die Leichtigkeit des Seins"


Eine einfache Geschichte. Am Anfang war die Ganzheit, sonst nichts. Da hatte die Ganzheit den Wunsch, ein Geschenk zu machen, und sie verschenkte sich selbst. Was anderes gab es ja nicht. Und bäng! wurde das Universum erschaffen. In dem nun, am vorläufigen Ende einer hochausdifferenzierten Kette von Seinsmöglichkeiten, WIR sind. Du und ich. Die keine Ahnung haben davon, dass wir aus einem Geschenk entstanden sind.

Ich bekomme ja immer die Verlags-Vorschauen, die zweimal im Jahr die neuen Bücher ankündigen. Und, ehrlich gesagt, ich bin des Lesens im Moment etwas müde. Ich finde - in der Belletristik, der Lyrik und im sogenannten "Sachbuch" - so wenig Eigenes in Inhalt und Sprache. Da kam mir dieses schön gestaltete Bilderbuch gerade recht. Die einfache Geschichte wird in sehr schlichten Worten erzählt, aber die Worte stellen hier nur den Kontext her, in dem die Bilder ihre Bedeutung entfalten.

Wir stolpern also unwissend durch das Leben und fragen uns:



Und erzählen uns:


Aber das Sein könnte sich so leicht anfühlen, wenn wir nicht mehr darauf warten, dass sich etwas verändert. Wenn wir, kurz und vertraut ausgedrückt, im Augenblick leben. Unsere kleinen und großen Irrtümer (wir tragen eine Rüstung, denn die Welt ist ein Schlachtfeld) und die Leichtigkeit, die nur darauf wartet, von uns entdeckt zu werden (beim Angeln zum Beispiel) tupft der Künstler Jean-Pierre Weill luftig und zart auf Aquarellpapier. Die Botschaft braucht den Umweg über den Kopf nicht mehr, sie kommt als Bild unmittelbar beim Gefühl an. Aaaah, ja, sooo sieht die Leichtigkeit aus!

Meine Buch-Empfehlung heute ist das Bilderbuch für Erwachsene: Jean-Pierre Weill "Die Leichtigkeit des Seins", aus dem amerikanischen Englisch von Bernhard Kleinschmidt, O.W. Barth Verlag, ISBN 978-3-426-292747. Und was mich wirklich erstaunt: Dieser aufwendig gestaltete Band kostet nur 20 EUR.

Freitag, 15. September 2017

Heute auf dem Programm: die Maisfelder Sinfonie


Für eintausend zwei Meter fünfzig hohe Maispflanzen
Komponiert und gespielt vom Wind

Das Stück beginnt als Flüstern. Kein Blech: Rohr. Mehr gehaucht als geblasen. Im Hintergrund wischen ein paar Besen über ein Trommelfell. Der Klang rollt heran, eher horizontal als vertikal. Da schwingt sich nichts auf, das Stück hat bei aller Luftigkeit etwas Bodenständiges. Nach und nach fallen weitere Instrumente ein. Eine Art Flöte, in die ein Fünfjähriger pustet, ohne die Löcher zuzuhalten. Der Trommler zieht das Tempo an, das Orchester geht mit. Eine Pauke mischt sich ein. Einen Piper haben sie auch, wohl aus Schottland importiert. Keine Streicher. Ein Bläser-Ensemble mit Schlagwerk. Jetzt naht von hinten ein Auto, ich springe zur Seite. Kein Auto. Aha, hier ist ein moderner Komponist am Werk; sicher hat das Auto im Stück eine Bedeutung. Oder auch nicht. Von Neuer Musik verstehe ich nicht viel, also höre ich einfach zu. Die Bläser haben inzwischen ein Heulen angestimmt, alle gemeinsam, in einem ziemlich raschen Tempo. Das hat nun wieder etwas sympathisch Indianisches. Wie das mit dem Auto zusammenhängt, ist mir nicht klar, aber Musik will nicht bedacht, sondern gehört werden. Jetzt, aaah! jetzt fällt das gesamte Orchester auf einen Schlag (dirigiert hier eigentlich jemand?) zurück in den Anfangshauch, in dieses Flüstern, dieses Besenwischen. Beeindruckend, wie sie das machen in dieser riesigen Besetzung. Und das auch noch umsonst und draußen. Im September wird schon einiges geboten hier in meinem Dorf.

Mittwoch, 6. September 2017

Was ist Gott?


"Wenn du verstehen willst, worauf das Konzept von Gott hinweist, musst du dein Gottesbild und jede Vorstellung, die du von Gott hast, aufgeben. Du must es wagen, leer von allen Konzepten zu sein und dich in die absolute Leerheit zu begeben, in die absolute Ruhe und die absolute Stille. Du musst alles vergessen, was du jemals über Gott gelernt hast. Es würde dir nicht helfen. Es mag dich trösten, aber solch ein Trost ist eine Einbildung, nichts als eine Illusion. Gib alle falschen Tröstungen des Geistes auf. Beende sie alle. Das Ende muss in vollkommener Stille erfahren werden. Wenn du alle Vorstellungen, alle Konzepte, alle Hoffnungen und jeden Glauben aufgibst, wird Stille erfahren.

Erfahre das Herz der Stille. Tauche tief hinein und überlasse dich ihm. In absoluter Hingabe an die Stille erfährst du direkt das, worauf das Konzept von Gott hinweist. In dieser direkten Erfahrung erwachst du vom Traum des Geistes und erkennst, dass das Konzept von Gott auf das hinweist, was du selbst bist."

Adyashanti
(aus: "The Impact of Awakening")