Samstag, 21. April 2018

Natur, verwirrt


Die Natur, gerade aufgewacht, reibt sich verwirrt die Augen. Sie befindet sich in der falschen Jahreszeit. Es sind dreißig Grad, wir erwarten bei dieser Temperatur von ihr blühende duftende Rosen, bienensummende Wiesen, erntereife Kirschen, eine Überfülle an Himbeeren und Tomaten. Sie würde unsere Erwartungen gern erfüllen, aber das Wetter ist ihr davongelaufen, und jetzt stolpert sie ihm hinterher. Wirft hastig Blüten von den Bäumen, lässt Samen aufplatzen, entfaltet Blättchen. Dann treiben sie auch noch die Vögel in vorzeitiger Torschlusspanik zur Eile an; bei Sommerhitze wird unter normalen Umständen schon der Nachwuchs gefüttert, jetzt ist noch nicht mal der Partner da.

Am Teich im Liliental, gleich bei mir um die Ecke, ist so viel los, da kommt kein Fernsehkrimi mit.


Sonntag, 15. April 2018

Die Woche der wundersamen Kräfte


 Die wundersamen Kräfte der alten Frau
(China, 8. bis 9. Jahrhundert)

Magu, Nanquan und ein weiterer Mönch machten eine Pilgerreise. Auf dem Weg trafen sie eine alte Frau, die einen Teeladen hatte. Die Frau bereitete eine Kanne Tee und brachte drei Tassen. Sie sagte zu ihnen: "O Mönche, lasst diejenigen unter euch, die wundersame Kräfte besitzen, Tee trinken." Die drei blickten einander an, und die Frau sagte: "Schaut, wie diese hinfällige alte Frau ihre wundersamen Kräfte zeigt." Dann griff sie nach den Teetassen, schenkte den Tee ein und ging.

(Aus: Caplow/Moon "Das verborgene Licht. 100 Geschichten erwachter Frauen aus 2500 Jahren. edition steinrich)

***

O Leserinnen und Leser, schaut, wie diese alte Frau ihre wundersamen Kräfte zeigt, indem sie ihre kleine Dachterrasse für den Sommer vorbereitet. Sie trägt einen 20-Liter-Sack Bio-Erde in den zweiten Stock, stellt ihn ab, geht hinunter. Trägt den zweiten Sack hinauf, stellt ihn ab, geht hinunter. Trägt den dritten Sack hinauf. Stellt kleine und größere Gefässe auf den Boden, schaufelt in jedes die Erde. Setzt in das eine Gefäß eine Tomatenpflanze. In das andere Gefäß zwei Erdbeerpflanzen. Sät in das dritte Gefäß Schnittsalat, in das vierte essbare Blumen. Dann kocht die alte Frau sich einen Tee und sieht dem Himmel dabei zu, wie er das soeben Gepflanzte begießt. Sind das nicht wahre Wunder? Das Tragen, das Schaufeln, das Einsetzen, das Teetrinken? Lebenskraft durch und durch! Wer sagt, dass das alles selbstverständlich ist?

Ich erkläre die kommende Woche zur Woche der wundersamen Kräfte. Welche Kräfte werden wir entfalten und zeigen? Das Kartoffelschälen, Kaffeekochen, Wäschewaschen, Haarefönen, Katzenklosäubern? Werden wir das Wunder praktizieren, einen Besen zu schwingen, einen Nagel einzuschlagen, zu schrauben, zu schreiben, zu telefonieren, einen ganz besonderen Käse zu kaufen? Werden wir genau hinsehen und hinhören, überlegt sprechen, einladend schweigen?

Ich freue mich auf Berichte über den Einsatz der wundersamen Kräfte. Einfach auf "Kommentare" klicken, dann öffnet sich eine Eingabemaske. Mein Blog wird gerade von Spam überschwemmt, deshalb werden die Kommentare erst an mich geschickt. Aber keine Sorge: Hier wird nicht zensiert. Ich will nur die Werbung rauspflücken.

Mittwoch, 11. April 2018

Wolken, himmelwärts


 So ein Tag heute, an dem die Wolken himmelwärts steigen, hoch, noch höher. Vielleicht wollen sie ja irgendwo ankommen, aber sie finden nur Unendlichkeit, keinen Ort. Schon wirken sie etwas zerstreut, ihre Konzentration lässt nach (Wolken haben wenig Ausdauer). Sie fransen nach oben hin aus, ein paar Fäden haben sich gelöst und segeln als Solitäre weiter. Einzeln, einsam, chancenlos (Wolken sind Herdentiere). Fäden, die zu Nebel werden, dann zu Hauch. So ein Tag also heute.



Verlinkt beim Naturdonnerstag von Jahreszeitenbriefe

Montag, 2. April 2018

Osterspaziergang


Osterspaziergang

Ganz unter uns: Noch ist es nicht so weit.
Noch blüht kein Flieder hinterm Heckenzaune.
Doch immerhin: Ich hab ein neues Kleid,
Bürofrei und ein bisschen Frühlingslaune.

Was hilft uns schon das ganze Trübsalblasen -
Da weiß ich mir ein bessres Instrument.
Ich pfeife drauf ... Mich freut selbst kahler Rasen.
Und auf das Frohsein gibt es kein Patent.

Mich fährt die Stadtbahn auch ins freie Feld,
Mir weht der Märzwind gleich den Weitgereisten.
Ich hab mein Sach diesmal auf nichts gestellt.
- Das kann man sich noch leisten.

Blau ist der Himmel wie im Bilderbuch.
Die Vögel zwitschern wie in Frühlingsträumen.
Herb mischt die Waldluft sich mit Erdgeruch
Und frühem Duft von knospig reifen Bäumen.

Die Sonne blickt schon ziemlich intressiert.
Und wärmt beinah. - Doch, während ich sie lobe,
Verschwindet sie, von Wolken wegradiert.
Es scheint, sie scheint nur Probe.

Ganz unter uns: Noch kam der Lenz nicht an.
Obgleich schon Dichter Frühlingslieder schrieben.
- Erst wenn man frei auf Bänken sitzen kann,
Dann wird es Zeit, sich ernstlich zu verlieben.

Mascha Kaléko

Und als Ergänzung zu diesen klugen Erkenntnissen weise ich auf das dazu passende Seminar hin, das natürlich den Titel trägt "Wunderbare Unvollkommenheit", von mir am letzten April-Wochenende geleitet wird, im Kloster Heiligkreuztal stattfindet, und der Anmeldeschluss ist am kommenden Freitag, 6. April.

Ende April kann man schon auf Bänken im Klostergarten sitzen, dass jemand zum Verlieben in der Gruppe sein wird, kann ich nicht garantieren, aber ich versichere: Es wird wunderbar still sein, das Essen wird schmecken, und bis jetzt hat noch keiner die Teilnahme bereut.